Unruhe um Salafisten
Radikale Muslime oder harmlose Sektierer?

Ein Beitrag für die Deutsche Welle, Bonn

Peter Philipp, 07. Juli 2011

Der jüngste Verfassungsschutzbericht  macht die Existenz von 29 islamistischen Organisationen in Deutschland aus, denen mindestens 37000 Mitglieder angehören.  Das besondere Augenmerk der Verfassungsschützer gilt dabei den „Salafisten“ – einer Gruppe, deren Wachstum größer und schneller  ist als das der anderen.  Das allein macht die Gruppe natürlich noch nicht gefährlich, aber der Präsident des Verfassungsschutzes, Heinz Fromm, weist darauf hin:


O-Ton 01 Heinz Fromm:
„Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Salafisten oder sind Salafisten“.

 

Der Name ist abgeleitet vom arabischen „Salaf“ - Vorfahre - und steht für eine strikte Befolgung des Glaubens und der Lebens-Gewohnheiten der Vorfahren – entsprechend einer im 14 Jahrhundert begründeten Lehre, die dreihundert Jahre später zur Grundlage des heute noch in Saudi-Arabien vorherrschenden Wahhabitentums  wurde. Trotz solcher Rückwärts-Orientierung nutzen ihre Anhänger in Deutschland  das Internet und andere moderne Technologien, um eine Botschaft zu verbreiten, die eher schlicht  ist, wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich meint:

 

O-Ton 02 Friedrich:

„Sie bieten ein relativ schlichtes, in sich geschlossenes Weltbild an. Sie zielen damit ab auf junge Leute, die in einer Phase der Orientierungssuche sehr in der Gefahr sind“.

 

Der Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, hält den Salafismus zwar nicht für eine Mode-Erscheinung, es sei dies aber eine Radikalisierung, wie sie auch in anderen Religionen immer wieder mal auftrete. Das Phänomen - die so genannte ‚Langhaar-Phase‘, wie man sie auch von anderswo her kenne,  beschäftige auch die muslimischen Gemeinden: Sie wollten verhindern, dass  Jugendliche  in Extreme abdriften …

 

O-Ton 03  Mazyek:

„Es liegt an der Gesellschaft, es liegt auch an der muslimischen Community, dass sie die Mitte stärken, um die Ränder zu schwächen. Das muss auch der Ansatz der Prävention sein. Nicht mit markigen Sprüchen und populistischen Sprüchen die gesamte muslimische  Community zu diskreditieren, sondern mit den Muslimen zusammen gegen Extreme vorgehen. Das ist der richtige Weg: Integration statt spalten“

 

Die Ideologen der Salafisten aber wollen gerade die Integration verhindern. Ibrahim Abu Nagie ist einer von ihnen. Er betreibt eine Internetseite „Die Wahre Religion“ und preist da unter anderem eine Festplatte mit dem gesamten Inhalt dieser Internetseite an: Damit man die dort eingestellten Kurse und Vorträge in Ruhe offline und unbehelligt vom Verfassungsschutz verfolgen könne. Mit diesem hatte Abu Nagie bereits wiederholt Probleme. Unbeirrt verkündet er vor Jugendlichen aber:

 

O-Ton 04 Abu Nagie:

„Dialog,  Integration… das ist nur für dein Verderben. Damit du auf den Islam verzichtest“

 

Weniger radikal gab sich die Gruppe „Einladung zum Paradies“, angeführt von zwei Konvertiten: Der ehemalige Boxer Pierre Vogel und sein Sprecher Sven Lau hatten in Mönchengladbach ihre Zentrale  eingerichtet und es war in der Folge zu wachsenden Spannungen mit der Bevölkerung gekommen. Hierdurch und durch Aktionen wie eine Gedenkversammlung für Osama Bin Laden geriet der Verein so ins öffentliche Licht, dass er sich inzwischen aufgelöst hat. Seine Aktivitäten dürfte er aber fortsetzen. Besonders  die Bekehrung zum Islam salafistischer Prägung. Sven Lau sieht darin seinen größten Erfolg

 

O-Ton 05 Lau:

„Die meisten, die zu uns stoßen, sind in jüngeren Jahren – von 20 bis 30. Es gibt auch mal den einen oder anderen… der wird schwach: Der kommt dann erst mal weniger in die Moschee, fängt wieder an zu rauchen, geht vielleicht auch mal wieder in die Diskothek. Aber im Großen und Ganzen ist Non-Stopp ein Zulauf da“.


Was sind die Gründe für den wachsenden  Zulauf von jungen Muslimen und Konvertiten gerade bei den Salafisten? Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach ist Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages. Auch er sucht nach einer Erklärung für den Erfolg der Salafisten:

 

O-Ton 06 Bosbach:

„Der könnte daran liegen, dass  man es als attraktiv empfindet, wenn man mit einer Ideologie konfrontiert wird, die keine Kompromisse kennt“.

So etwas sei dann auch attraktiv für Menschen, die ohnehin schon intolerant und gewaltbereit seien gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden und  die für Diskriminierung von Frauen oder auch Homosexuellen einträten. Bosbach glaubt nicht, dass die Hinwendung zum Salafismus vielleicht auch auf die Zurückweisung durch die deutsche Gesellschaft ausgelöst oder verstärkt werde. Immerhin gebe es unter den Salafisten doch auch eine Anzahl von Konvertiten…

 

O-Ton 07 Bosbach

„…und die werden ja nicht ernsthaft behaupten können, dass sie sich in der deutschen Gesellschaft nicht angenommen fühlen“   

Aiman Mazyek  stimmt mit Bosbach wenigstens darin überein, dass Extremismus den Muslimen in Deutschland insgesamt schade und er erklärt, dass man sich deswegen an den Bemühungen um eine Eindämmung dieser Erscheinung verstärkt beteiligen wolle.  Man könne aber keine Hilfssheriff-Rolle für den Innenminister übernehmen und das erwarte dieser auch nicht.     

 

O-Ton 08 Mazyek:

„Unsere Aufgabe besteht darin, die religiöse Betreuung unserer Gemeinde vorzunehmen und keine sicherheitspolitischen Expertisen abzugeben. Vor allem ist es wichtig, immer wieder hervorzuheben:  Wenn strafrechtliche Grenzen überschritten sind, dann muss so etwas natürlich unterbunden werden  und das ist vorrangig die Aufgabe der Polizei“.

Wie man sich Freunde macht
Bundesinnenminister Friedrich verprellt Muslime

Ein Kommentar für die Deutsche Welle
Peter Philipp, 30. März 2011

Dass das nicht gut gehen würde,hatte man sich denken können: Als kürzlich im Rahmen einer Regierungsumbildungin Berlin der bayerische CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich Innenminister wurde,da mahnten nicht wenige, dies sei ein folgenschwerer Fehlgriff. Zumindest, wasdie Einstellung des neuen Ministers zur Frage der Integration von Muslimen inDeutschland betrifft: Denn wiederholt war Friedrich zu dem Thema negativ aufgefallen– besonders  durch seine Kritik an derBemerkung des Bundespräsidenten, der Islam gehöre zu Deutschland.

Wer dies kritisiere, so meinten viele, der sei kaum geeignet, die„Islamkonferenz“ durchzuführen, die seit fünf Jahren vom Bundesinnenministerveranstaltet wird. Denn als der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble denAnstoß gab zu dieser Konferenz, da war es das erklärte Ziel, den Dialog mit dermuslimischen Minderheit in Deutschland und deren Integration zu fördern.

Ob die knapp vier Millionen Muslime in der Konferenz repräsentativ vertretenwaren, mag dahingestellt bleiben. Die Teilnehmer setzten sich auf muslimischerSeite aber aus Vertretern der verschiedenen Verbände sowie mehr oder wenigerprominenten und unabhängigen Einzelpersonen zusammen, ihnen gegenüber Vertreterdes Bundes und der Länder.   Wirklich gelöst wurde auf derKonferenz bisher keines der anstehenden Probleme, statt dessen traten neue auf:Als mit Lothar de Maiziere ein neuer Innenminister  berufen wurde, war seine erste Maßnahme, einenVerband von der Teilnahme auszuschließen, weil er im Verdacht stand,ungesetzliche Dinge begangen zu haben. Ein Verdacht, der inzwischen ausgeräumtist. Aber nun kommt, in der dritten Runde der Konferenz und unter ihrem drittenVorsitzenden – Hans-Peter Friedrich – das nächste und bisher ernstete  Problem:

Friedrich will die Islamkonferenz dazu benützen,  die muslimischen Verbände in Deutschland aufeine „Sicherheitspartnerschaft“ mit den Behörden einzuschwören.  Sie sollen über Radikale in den eigenenReihen wachen und diese den Behörden melden. Der Minister sagt es nicht so,aber der Eindruck entsteht, als erwarte er von den Muslimen Spitzeldienste alsGegenleistung für Dialog und Integration.  Die Empörung unter den Muslimen istmit Recht groß: Die meisten von ihnen sind längst Bürger – oder doch wenigstensEinwohner – mit denselben Rechten wie vergleichbare Nicht-Muslime inDeutschland. Der Plan des Ministers aber steckt sie wieder einmal pauschal ineine radikale Ecke – aus der sie sich nun nicht einmal mehr durch eigenesWohlverhalten befreien können, sondern offenbar nur durch Denunzierung  von Glaubensgenossen.

Minister Friedrich versuchte in den letzten Tagen zwar zu differenzieren:Muslime, die in Deutschland lebten, „gehörten natürlich dazu“. Die Ideeder  „Sicherheitspartnerschaft“ aberzeigt, dass „dazugehören“ weit interpretierbar ist. Der Innenminister sollteschließlich auch wissen, dass der Erfolg seiner Arbeit mit davon abhängt, dasser von den Einwohnern als „ihr“ Innenminister betrachtet wird. Die vierMillionen Muslime droht er gerade verprellt zu haben…           

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Rechtsempfinden im Islam

Eine deutsch-französische Untersuchung
Ein Beitrag für die Deutsche Welle
Peter Philipp, 21.02.2011

Mit denEntwicklungen in Tunesien, Ägypten und anderen Teilen der arabischen Welt beginnenpolitische und gesellschaftliche Kreise besonders in Europa langsam, ihrbisheriges Vorurteil zu revidieren, dass Islam und Demokratie unverträglich miteinanderseien. Je mehr es tatsächlich zu einer Demokratisierung in arabischen Staatenkommt, desto größer dürfte der Bedarf an Wissen darüber in Europa sein. Denn eswird dann weniger denn je reichen, eine Assimilation der Muslime an europäischeNormen zu verlangen. Und was an Demokratie in der arabischen und vielleichtdarüber hinaus in der muslimischen Welt entsteht, wird – von der Religiongeprägt – anders aussehen als das System, an das die Länder der Aufklärung sichgewöhnt haben.

In diese neueSituation kommt gerade rechtzeitig – ohne dass dies allerdings so vorhergesehenworden wäre – ein wissenschaftliches  Projektdes „Zentrums für Islam und Recht in Europa“ an der Universität Erlangen und desfranzösischen „Centre Nationale de la Recherche Scientifique“, das in zunächsteinmal drei jähriger Forschungsarbeit Rechtsvorstellungen und Rechtsverhaltenvon Muslimen untersuchen soll. Das Projekt wird von der Bundesrepublik und vomfranzösischen Staat mit über einer halben Million Euro finanziert. Diefranzösischen Partner konzentrieren sich hierbei vor allem auf einige arabischeLänder im Maghreb und den Libanon, die deutschen konzentrieren sich auf dendeutschsprachigen Raum.

Der Geschäftsführer des Erlanger Zentrums, Dr. Jörn Thielmann, weist die Ideevon sich, dass hier der Boden bereitet werde für die verstärkte Übernahme  islamischer Rechtsnormen – wie das imFamilienrecht ja – für hier lebende Muslime – teilweise bereits der Fall ist:

O-Ton 01,Thielmann:„Nein, überhauptnicht. Wir sind keine Rechtsaktivisten, die jetzt Spielraum für islamischeRechtsnormen schaffen wollen. Unser Interesse ist: Keine Rechtsethnologie desislamischen Rechtes per se zu betreiben, sondern uns interessiert eineRechtsethnologie von Rechtspraktiken in muslimischen Gesellschaften – was denAkzent verschiebt… Wie Menschen Rechtsnormen  nutzen und anwenden. Recht entsteht letztendlichdurch Rechtspraxis“.

Solch eine Praxis sei – wegen des Zinsverbots – unter Muslimen auch in Europa,dass sie sich Geld für größere Anschaffungen – etwa Wohnungs- oder Hauskauf –bei Freunden und Verwandten leihen, dies dann aber nicht vertraglich beim Notarfesthalten…

O-Ton 02, Thielmann:„…was im Fall von Überschuldung unddann Scheitern dieser Immobilienprojekte sehr, sehr große Probleme mit sich bringt.Auch im Entschuldungsprozess, weil es keine vollstreckbaren Rechtstitel gibt“.

Trotz dieser Probleme seien solcheFälle rechthäufig in Europa und dies sei deswegen auch ein Forschungsthema desProjekts. Ein weiteres Thema sei die Frage von Testamenten:

O-Ton 03, Thielmann:„Testamente zählen auch zu denprivatrechtlichen Verfügungsräumen im Rahmen der gesetzlichen Regelungen. ImRahmen dessen haben Sie Ausgestaltungsspielraum und können dann auch in Teilenislamrechtliche Erbnormen realisieren. Oder Ehevertrag: Brautgeld istmittlerweile von deutschen Gerichten als Möglichkeit akzeptiert und wird nichtals sittenwidrig angesehen“.

An dem Projekt sind knapp 25 Forscherbeteiligt – verteilt über mindestens sieben Länder. Dr. Thielmann hält es fürrichtig, dass dies ein deutsch-französisches und kein europäisches  Projekt ist: So könne man mehr Energie in dieForschungsarbeit stecken, bei EU-Projekten gehe immer ein Großteil fürVerwaltungsarbeit verloren. Sein Tübinger Zentrum sei aber auch an einem sehrgroßen EU-Projekt beteiligt, das sich mit Staat, Religion und öffentlichem Raumbeschäftigt. Hier aber seien vorrangig Juristen beschäftigt, während dasdeutsch-französische ein ethnologisches Projekt sei und damit wohl mehr denMenschen selbst im Mittelpunkt sehe.

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Keine „Überfremdung“
Muslimisches Bevölkerungswachstum in Europa
Ein Beitrag für die Deutsche Welle



Peter Philipp, 1. Februar 2011
Die globalen Ergebnisse der Untersuchung könnten aus den Textbüchern fremden-und islamfeindlicher Ideologen stammen, die polemisieren, dass der Islam aufdem Wege sei, die anderen Religionen zu majorisieren: Die muslimischeBevölkerung wird in den nächsten zwei Jahrzehnten weltweit doppelt so schnellanwachsen wie die nicht-muslimische Bevölkerung. Mit einer Wachstumsrate von1,5 % bei Muslimen gegenüber 0,7 % bei den anderen. Dies fanden Forscher desWashingtoner „Pew Forums zu Religion und Öffentlichkeit“ heraus, die jetzt eine220 Seiten umfassende Studie über „die Zukunft der muslimischen Bevölkerung“vorlegten.

Auf den zweiten Blick bereits wirddas Bild aber zurecht gerückt: Die Zuwachsrate unter Muslimen werde gegenüberden letzten 20 Jahren um 0,7 % zurückgehen. In Europa werde der Zuwachs eherbescheiden sein, meint Brian J. Grim, ein Direktor des Pew Forums:
O-Ton 01, Grim (Englisch):
„In Europa erwarten wir ein Anwachsen des muslimischen Anteils um knapp einDrittel – von etwa 44 Millionen im Jahr 2010 auf 58 Millionen im Jahr 2030.2010 machten Muslime rund 6 % der europäischen Gesamtbevölkerung aus und 2030werden es 8 % sein“.

Es gebe natürlich regionale Unterschiede in Europa: Dort, wo es schon seitlangem muslimische Bevölkerung gibt – etwa im Kosovo, in Albanien, Bosnien, Montenegro und auch Russland – sei derZuwachs nicht so groß wie in West- Nord- und Südeuropa, wo dies mehr durch dieEinwanderung beeinflusst werde:

O-Ton 02, Grim (Englisch):
„Wo Immigranten kommen, liegt die Wachstumsrate eher höher, weil dies vorherkleine Minderheiten waren und Einwanderer treiben die Wachstumsrate hoch“

Es werde kontinuierliches Wachstum geben, aber keine explosionsartigeEntwicklung.  Sondern eher eine Verlangsamung.Dies sei zum Teil darauf zurückzuführen, dass diese Einwanderer aus Ländernkommen, in denen die Geburtenrate bereits zurückgegangen sei – etwa in derTürkei auf  2% oder dem Maghreb auf nochweniger. Einwanderer aus solchen Ländern würden ihr Verhalten dann in Europa nichtplötzlich ändern … O-Ton 03, Grim (Englisch):„…zweitens versuchen Einwanderer,sich in der neuen Kultur zu integrieren. Der Trend ist, dass sie die Muster desGastlandes übernehmen müssen. Zum Beispiel: Wenn sie wollen, dass ihre Kinder Ausbildungund gute Job-Aussichten bekommen, dann fangen Einwanderer an, kleinere Familienzu haben, um das zu ermöglichen“. Es sei aber nicht Ziel derUntersuchung, sich mit Fragen der Integration zu beschäftigen. Nur soviel seijedoch sicher: Wenn keine Integration stattfinde, dann werden die Einwanderersich wahrscheinlich auch in der Frage des Bevölkerungszuwachses nicht der Mehrheitsgesellschaftanpassen und dann mache man in der Studie möglicherweise falsche Prognosen.Realistisch aber sei nun einmal festzustellen, dass der Bevölkerungszuwachsunter Muslimen rascher steigt als bei der anderen Bevölkerung. Aber nicht sodrastisch, wie manche Kreise behaupten, denn die Muslime werden bis zu 10Prozent der Gesamtbevölkerung werden. O-Ton 04, Grim (Englisch):„Wir sehen nur geringen Zuwachs.Aber ich denke, unsere Zahlen zeigen doch auch, dass die Muslime in Europa einefeste Minderheit werden“                                                                                                  Der Minister und die Imame
Lothar de Maiziere lädt zum Informationsgespräch
Ein Beitrag für die Deutsche Welle
Peter Philipp, den 09.12.2010

Ein wichtiges Thema im weiten Aufgabenbereich von Bundesinnenminister Thomas deMaiziere ist die Frage des Umgangs mit dem Islam in Deutschland, derIntegration von Muslimen und dem Schutz und der Förderung dieser inzwischen aufknapp vier Millionen Personen angewachsenen Minderheit. De Maiziere istGastgeber der von seinem Vorgänger ins Leben gerufenen „Islamkonferenz“, erkümmert sich aber auch um Detailprobleme. So hatte er nun in Bonn Imame ausfünf muslimischen Verbänden zu einem formlosen Gespräch eingeladen, um mehr überihre Arbeit und Ansichten zu erfahren und auch über ihre Probleme zu erfahren.

O-Ton 01, de Maiziere:
„Imame tragen eine große Verantwortung für gelingende Integration, sie habeneine wichtige Aufgabe bei der Vermittlung, beim Brückenbauen zwischen Moscheenund Öffentlichkeit…Auf Dauer möchten wir, dass Imame in Deutschland diejenigenwerden, die in Deutschland aufgewachsen sind, die in Deutschland ausgebildetsind. Das wird aber noch eine Zeitlang dauern, wir arbeiten ja daran. Für dieÜbergangszeit möchten wir die Zusammenarbeit so eng wie nur möglich machen: Wirmachen Fortbildungsangebote für die Imame und andere Formen der Zusammenarbeit.Und das möchten wir gerne fortsetzen“.

Seit langem wird in der deutschen Öffentlichkeit, aber auch in den muslimischenVerbänden, gerade diese Frage diskutiert, denn gegenwärtig werden die meistenImame aus der Türkei entsandt, sie kennen Deutschland nicht und können meistensauch kein Deutsch und sind deswegen nur bedingt geeignet, sich um dieAlltagssorgen und Nöte ihrer Gemeinden in Deutschland zu kümmern.

Erol Pürlü vertritt den Verband Islamischer Kulturzentren. Eine weitgehendintegrierte Gruppe, in deren Moscheen inzwischen bereits vielfach in Deutschgepredigt wird und die sich jetzt auch besonders stark macht für eineImam-Ausbildung in Deutschland:

O-Ton 02 Pürlü:

„Ich denke, dass mittelfristig bis langfristig die  Imame hier ausgebildetwerden müssen, da sie hier sozialisiert sind, kennen sie sich besser mit denGegebenheiten hier in Deutschland aus“.

Inzwischen haben mehrere Universitäten mit staatlicher Förderung begonnen,Imame auszubilden und Islamische Theologie in ihre Lehrpläne aufzunehmen. Eswird aber dauern, bis die ersten Imame dort ausgebildet sind und bis die über2500 Moscheen in Deutschland eigene, in Deutschland ausgebildete Imame haben.Solange das aber nicht geschieht, bedeutet dies auch eine Erschwernis für dieIntegratuion von Muslimen in Deutschland.

Ali Ertak Toprak von der Alevitischen Gemeinde Deutschland betont, dass dieAleviten als einzige muslimische Gruppe in Deutschland bereits gesetzlich alsReligionsgemeinschaft anerkannt seien. Die Mitglieder seiner Gemeinde – vondenen etwa 60 % deutsche Staatsbürger seien, machten keine Schlagzeilen, weilsie hier als normale Bürger lebten. Und leider interessieren Öffentlichkeit undBehörden sich deswegen auch weniger für die Probleme der Aleviten. So biete manlängst Religionsunterricht in deutscher Sprache an…

O-Ton 03 Toprak:

„… aber wir haben bis heute keinen Lehrstuhl, wo wir unsere Lehrer undGeistlichen bilden können. Und deswegen habe ich meinen Ärger zum Ausdruckgebracht, dass wir Aleviten ein bisschen ins Hintertreffen geraten, weil wireben kein Problem darstellen, gut integriert sind, sind wir sowohl für dieMedien als auch die Politik ‚unsexy‘, aber das kann’s ja nicht sein…“

Mit Nachdruck verwehrt Toprak sich dagegen, dass der deutsche Staat mit derTürkei über die weitere Entsendung von Imamen spricht. Man wolle keine fremdeEinmischung in das religiöse Leben in Deutschland und das hat er demBundesinnenminister auch entschieden dargelegt. Er hat aber auch kein Rezeptdafür, wie man sonst die Wartezeit ausfüllen kann, bis es in Deutschlandausgebildete Imame gibt.

Solange werden türkische Imame hier wohl zum Alltag gehören. Süleyman Tengerist einer von ihnen. Er vertritt DITIB, den größten Verband, der direkt ausAnkara unterstützt, wenn nicht gar gelenkt wird. Aber Tenger zeigt sichzufrieden mit dem Treffen und Gespräch:

O-Ton 04 Tenger:
„Vorher wurde immer über uns gesprochen, jetzt aber spricht der deutsche Staatmit  uns und das ist ein sehr wertvolles Gespräch für mich. Und in derZukunft… es ist mein Wunsch, dass es diese Gespräche in der Zukunft noch mehrgibt und die Ausbildung der Imame oder die Ausbildung der islamischen Theologennoch weiter verbessert (wird)“.

Obwohl die Gäste des Innenministers nur einen Teil der organisierten Muslime inDeutschland vertraten und obwohl nur einige zentrale Fragen im direktenZusammenhang mit der Arbeit der Imame behandelt wurden, zeigte sich doch auch,dass die Meinungen keineswegs immer konform sind. Trotzdem war das Resümee derTeilnehmer einhellig positiv und es wurde vorgeschlagen,  das nächsteTreffen in der Duisburger Moschee abzuhalten – der größten in Deutschland.Bekir Alboga von DITIB jedenfalls sah mehr Konsens als Dissenz:

O-Ton 05 Alboga:
„Wünsche, Vorstellungen, Themenbereiche waren sehr ähnlich: Die Anerkennung,die Würdigung der ehrenamtlichen Arbeit in den Moscheegemeinden, auch dieseVorbildfunktion der Imame sollte in den Vordergrund gestellt werden und derMnister war sehr hellhörig, sehr aufmerksam und er hat die positiven Anregungensehr wohlwollend zur Notiz gegeben“
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Imame - Made in Germany
Hochschulen beginnen mit der Ausbildung
Ein Beitrag für die Deutsche Welle
Peter Philipp, den 16.11.2010

Lange und viel ist darüberdiskutiert worden, nun wurde der Anfang gemacht: In Deutschland sollen Imameausgebildet werden. An den Universitäten Münster, Osnabrück und Tübingen sinddie Vorbereitungen in vollem Gange, der Lehrbetrieb soll in geplantem Umfang imHerbst 2011 aufgenommen werden, in Frankfurt hat er bereits begonnen.  Die ersten drei Universitäten werden vom Bundfünf Jahre lang mit jeweils knapp vier Millionen Euro unterstützt, Frankfurt verzichtetauf Fremdfinanzierung. In der ersten Phase sollen an den vier Hochschulen 500entsprechende Studienplätze eingerichtet werden, bei einem Bedarf von etwa 2000Imamen in Deutschland.

Überraschend kam Kritik daran aus Ankara,wo der neue Chef der Religionsbehörde, Mehmet Görnez, in einem Interview bemängelte,die geplante Ausbildung sei unzureichend und es sei besser, Imame weiterhin ausder Türkei nach Deutschland zu schicken. In den Reihen des größten muslimischenVerbandes in Deutschland, DITIB, der der Religionsbehörde in Ankara untersteht,löste dies Verlegenheit aus. Man war nicht bereit zu einem Gespräch, gab amMontag (15. November) aber eine Erklärung ab, dass man die Pläne derUniversitäten begrüße. Man drohte sogar mit Strafverfolgung jenen, die dasGegenteil behaupten.

Der Osnabrücker Prof. Rauf Ceylan  O-Ton01, Ceylan 01:
„Dass der Bedarf an islamischer Theologie in Deutschland da ist, das liegt aufder Hand. Es gibt 4,2 Millionen Muslime in Deutschland, die sich auchüberwiegend als Deutsche verstehen. Deshalb liegt es auch auf der Hand, dasswir in Deutschland selbst ausbilden müssen – muslimische Theologen – und mitdem Input aus dem Ausland auch aufhören müssen. Ich denke, hier geht es vorallem um Kontrolle. Das heißt, man möchte die Kontrolle nicht aus der Handgeben, denn diese Organisation sendet seit den 80er Jahren Imame nachDeutschland, um die hiesigen Muslime vor allem zu betreuen“.

In den 80er Jahren sei man noch davon ausgegangen, dass viele der inDeutschland lebenden Türken – die Mehrheit der Muslime hier – eines Tages in ihreHeimat zurückkehren würden. Das sei heute nicht mehr der Fall. Viele seieninzwischen deutsche Staatsbürger und planten ihre Zukunft hier. Und dazu gehörtauch eine neue Form des Islam. So sieht es Aiman Mazyek, Generalsekretär des„Zentralrats der Muslime“: O-Ton02,Mazyek 02:„UnserePosition wird immer dieselbe sein. Nämlich, dass wir einen originären Islamhierzulande entwickeln wollen und das funktioniert  nur so, dass nicht eine Steuerung von welchen Stellen auch immer im Ausland  passieren darf. Das ist selbstverständlich“. Mazyekglaubt deswegen auch nicht, dass DITIB den angedeuteten Kurs des neuen Chefs inAnkara verfolgen werde, dafür habe man bisher in den meisten Fragen bereits zuviel Übereinstimmung unter den muslimischen Verbänden in Deutschland erreicht.  Und auch Prof. Ceylan ist überzeugt, dassDITIB viel zu vielschichtig ist als dass sie widerspruchslos hinnähme, wasAnkara sagt:

O-Ton 03, Ceylan:„Zumeinen ist eine Organisation niemals ein monolitischer Block, das heißt, es gibtunterschiedliche Kräfte in der DITIB selbst, auch in Deutschland, die sichöffnen wollen, die Öffnungsprozesse forcieren und sich vom Herkunftslandemanzipieren möchten. Dann haben Sie konservativere Kräfte, die eben dasverhindern wollen. In den letzten Jahren war zum Beispiel DITIB  gegen einen islamischen Religionsunterrichtzunächst einmal. Und dann, der zweite Schritt war, dass sie gesagt haben: Ja,aber nur in türkischer Sprache. Und mittlerweile unterstützt DITIBdeutschsprachigen Islamunterricht  an denSchulen.. .“

EineAbhängigkeit von staatlichen Stellen will weder Ceylan noch Mazyek. Derdeutsche Staat solle sich nicht in die Ausbildung von Imamen einmischen, ebensowenig aber der  türkische. Wobei esnatürlich wünschenswert sei, dass die betreffenden Hochschulen einenakademischen Austausch mit Hochschulen in der islamischen Welt betrieben. Auchmit der Türkei.

O-Ton 04, Ceylan:„Wichtigwird es vor allem sein, dass man unabhängig ist. Unabhängig vom Ausland, aberauch der Staat darf sich nicht einmischen. Das Problem wird immer sein: DasSpannungsverhältnis zwischen Wissenschaft und Theologie. Und in Deutschlandhaben wir eben die Rahmenbedingungen dafür, dass Theologie geistig freier atmenkann als in manchen islamischen Ländern“.

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Islamfeindlichkeit nimmt zu
Ein Beitrag für die Deutsche Welle

Peter Philipp, den 04.10.2010

Der 3. Oktober wird in Deutschland als „Tag der deutschen Einheit“ gefeiert, dies beschränkt sich inzwischen aber nicht mehr allein auf die Einheit von Ost- und Westdeutschen, sondern all derer, die in Deutschland leben, gleich welcher Abstammung, gleich welcher Religion. Bundespräsident Christian Wulff schloss in seiner Festrede jeden Zweifel aus:
O-Ton 01, Wulff:
„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland – das ist unsere christlich-jüdische Geschichte – aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland"

Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus als in solchen Festreden. In Deutschland und anderen europäischen Ländern wächst die Welle eines anti-islamischen Rechts-Populismus, deren Repräsentanten – siehe Schweden und die Niederlande – Einfluss nehmen auf Regierungsbildungen und die sich untereinander zu vernetzen beginnen. So war nur Stunden vor der Rede des Bundespräsidenten  der niederländische Islam-Gegner Geert Wilders nach Berlin gekommen, um vor Gleichgesinnten zu mahnen:
O-Ton 02, Wilders:
„Deutschlands nationale Identität, seine Demokratie und wirtschaftliche Prosperität sind bedroht durch die politische Ideologie des Islam“

Nicht nur die Zuhörer im Saal stimmen Wilders zu: Eine Umfrage ergab dieser Tage, dass 55 Prozent der Deutschen der Meinung sind, dass die Einwanderung von Muslimen Deutschland „sozial und finanziell wesentlich mehr gekostet als wirtschaftlich erbracht“ habe. Besonders hoch war die Zustimmung zu dieser These – mit 70 % - in den ostdeutschen  Bundesländern. 

Einen logischen Grund für solche Meinungen könne er sich nicht vorstellen, meint der Ethnologe und Publizist Prof. Werner Schiffauer  von der Europa-Universität in Frankfurt/Oder. Es setze sich aber eine Art neoliberales Denken in der Gesellschaft durch, wonach jeder „seines Glückes Schmied“ und damit auch für seine Probleme verantwortlich sei. Diese Betrachtungsweise leiste einem impliziten Rassismus Vorschub…
O-Ton 03, Schiffauer:
„…insofern dann  Gruppen gebildet werden, nach ihrer Leistung untereinander verglichen werden und dann in Gänze abgewertet werden“.

Diese Denkweise macht Schiffauer nicht nur bei Politikern der liberalen FDP aus, sondern genauso bei Sozialdemokraten wie Christdemokraten.  Zum Beispiel, wenn man hohe Arbeitslosigkeit unter Muslimen mit vermeintlich mangelnder Bereitschaft erkläre, wohingegen doch längst dokumentiert ist, dass qualifizierte Arbeitssuchende mit türkischem oder arabischem Namen seltener eingestellt werden als andere.

Bei allem Lob für die Rede des Bundespräsidenten: Auch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, macht der Politik den Vorwurf, längst Bekanntes nicht zu berücksichtigen:
O-Ton 04 Mazyek:
„Wir haben dort kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Das heißt: Erkenntnisse, dass wir beispielsweise islamischen Religionsunterricht in deutschen Schulen brauchen, die gibt es zum Teil Jahrzehnte schon. Nur was die Umsetzung, auch die politische Umsetzung dieser Erkenntnisse angeht, da sind wir noch ganz am Anfang…“

Den Politikern fehle es oft am Mut, die notwendigen Entscheidungen zu fällen und deswegen vergrößere sich immer mehr die Schere zwischen dem, was wohlmeinende Politiker erklären, was man in Dialogbestrebungen unternehme und der Wirklichkeit. Ein Problem, von dem offenbar nicht nur Deutschland, sondern auch andere europäische Staaten betroffen sind. Begonnen habe diese Entwicklung mit dem 11. September, meint Prof. Schiffauer, verstärkt werde sie aber dadurch, dass die Europäische Union in eine tiefe Identitätskrise geraten sei: Die EU sei innerhalb kurzer Zeit auf das Doppelte ausgeweitet worden, der Streit um die Verfassung habe aber verdeutlicht, dass man immer weniger wisse, wofür Europa heute stehe:
O-Ton 05, Schiffauer:
„In diesem Moment ist es verführerisch, einen anderen zu definieren, von dem man sich abgrenzt – also ein klassisches Feindbild. Und dann wird der Muslim alles das, was gegen unsere Werte steht: Er wird homophob, frauenfeindlich, antisemitisch, hat keine Aufklärung, ist Demokratie-unfähig, ist leistungsunfähig.“

Solche „Abgrenzung gegenüber dem Anderen“ habe man in Deutschland zweimal praktiziert – gegenüber Frankreich und gegenüber den Juden. Ebenso versuchten bestimmte Kreise heute, sich von anderen Menschen und Gruppen abzusetzen:
O-Ton 06, Schiffauer:
„Ich sehe darin eigentlich den Grund für den paneuropäischen Anti-Islamismus, der sich wie ein Virus im Augenblick verbreitet“.

Dass das im Grunde nichts mit einer begründeten Ablehnung des Islam zu tun habe, könne man daran ablesen, dass diese Ablehnung gerade in Ostdeutschland besonders hoch sei. Denn dort gebe es kaum Muslime und deswegen keine persönliche Erfahrungswerte.
O-Ton 07, Schiffauer:
„Das gleiche Phänomen hatten wir bei dem Minarett-Verbot on der Schweiz: Da waren die Städte, wo die Muslime tatsächlich da waren, diejenigen, die gegen das Minarett-Verbot protestiert haben, während diejenigen für das Minarett-verbot waren, die de facto überhaupt nicht betroffen sind in ihrem alltäglichen Leben“

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Mit HipHop zu besserer Verständigung
Ein Beitrag für die Deutsche Welle
27.09.2010
Die Diskussion über das Zusammenleben mit der muslimischen Minderheit in Deutschland reißt nicht ab und hat gerade in jüngster Zeit eine neue Verschärfung erfahren bei der Auseinandersetzung über die provokanten Thesen eines Buches, das Muslimen mindere Intelligenz und mangelnde Integrationsbereitschaft unterstellte. Ein überraschend hoher Teil der Bevölkerung hält solche Thesen für zutreffend, Experten führen solche Reaktionen aber auf ein falsches und mangelhaftes Bild zurück, das sich in der Öffentlichkeit gebildet hat. Daran etwas zu ändern versucht das Projekt „1001 Idee“ des Braunschweiger Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung. Ein Bericht von Peter Philipp:

Seit drei Jahren bereitet „1001 Idee“ interessierten Lehrern Hintergrundmaterial im Internet auf, um ihnen dabei zu helfen, im Unterricht über muslimische Kultur und Geschichte einen differenzierten Blick auf das Thema zu vermitteln. Eine wachsende Anzahl von Fachleuten hat (bisher 61) Unterrichtseinheiten zusammengestellt, die in den unterschiedlichsten Fächern und Klassenstufen verwendet werden können. Also nicht nur in der Sozialkunde oder im Geschichtsunterricht, sondern ebenso gut im Musik-Unterricht:

O-Ton 01 Hip-Hop aus Afghanistan
Zum Beispiel Hip-Hop aus Afghanistan. Für die meisten deutschen und europäischen Schüler sicher eine überraschende Entdeckung. Bei „1001 Idee“ ist dieses „youtube“-Clip Teil einer Unterrichts-Einheit über „Musik entlang der Seidenstraße“. Ergänzt durch Texterklärungen und Kartenmaterial, die den Lehrern (vor allem in Deutschland, der Schweiz und Österreich) die Arbeit erleichtern sollen. Die Religionswissenschaftlerin Gerdien Jonker, eine Niederländerin, ist Leiterin des Projekts:

O-Ton 02, Jonker (Deutsch):
„Es geht uns darum, Jugendlichen klarzumachen, dass Jugendliche auf der anderen Seite der Welt genau mit denselben Problemen zu tun haben im Alltag, wir wollen klar machen, dass Künstler hier und Künstler dort sehr gut miteinander austauschen können. Wir wollen Lehrern etwas an die Hand geben, wenn sie Schüler aus anderen Schulsystemen - sprich: Arabischen Ländern – in der Klasse haben etwas wissen über dieses andere Schulsystem und was Eltern und Schüler erwarten“.

Das Institut arbeitet bereits europaweit mit Hochschulen und Lehrer-Fortbildungsseminaren zusammen, das Internet-Angebot ist in Deutsch und Englisch und wird von Didaktikern begleitet. Die Reaktionen von Lehrern seien positiv, meint Jonker. Die meisten von ihnen seien dankbar für solche Hilfe, denn sie spürten den Nachholbedarf auf diesem Gebiet. Das Thema Islam sei bisher im europäischen Schulunterricht sträflich vernachlässigt worden und zwar bereits seit dem 17. Jahrhundert:

O-Ton 03, Jonker (Deutsch):
„Damals war es noch ein christliches Narrativ. Das besagte: Wir Christen machen es so und da ist unsere Grenze. Die gehören nicht zu uns. Die Erzählung vom Islam: Ausbreitung, Angriff auf Europa und gekoppelt mit Kreuzzügen – wir mussten uns verteidigen“.

Im 19. Jahrhundert haben die Kreuzzüge sechzig, siebzig Seiten in den Geschichtsbüchern umfasst und das europäische Gefühl verstärkt - wenn nicht erst geschaffen – dass man vom Islam bedroht sei. Inzwischen sei das Thema zwar vom Umfang her erheblich reduziert worden, aber der Grundtenor habe sich nicht verändert. Die Zuwanderung muslimischer Gastarbeiter und erst recht der 11. September haben dann diese Gefühle erneut verstärkt. Und natürlich hätten die meisten dieser Punkte einen wahren Teil…

O-Ton 04, Jonker (Deutsch):
„…Aber die zusammen auf ein paar Seiten als Wissen über ‚die‘ Muslime zu präsentieren – das fanden wir einfach katastrophal. So kann man nicht mit anderen Leuten umgehen. Auch wenn es wahr ist: Es gibt sehr viel mehr Wahrheiten. Und die möchten wir Gemeingut werden lassen“.

In Ermangelung einer ausreichenden Behandlung dieser Themen in den heutigen Schulbüchern seien Lehrer einfach überfordert und deswegen wolle man ihnen mit dem Material helfen. Und was die Schüler betreffe, so habe man bisher zwar keine zuverlässigen Angaben über Erfolg oder Misserfolg des Projekts. Aber es dürfte ohne jeden Zweifel sein, dass gegenseitiges  Verständnis und Zusammenhalt auch unter Schülern gefördert werden, wenn diese erkennen, dass sie trotz aller Unterschiede so weit gar nicht voneinander entfernt sind. Wenn die Deutschen im Fernsehen ihren „Superstar“ suchen, dann tun zum Beispiel die Libanesen dasselbe:

O-Ton 05, Superstar (aus Future-TV)
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Für Einheit und Dialog
Die Muslimische Weltliga

Ein Beitrag für die Deutsche Welle
Peter Philipp, 30. Juli 2010
Offiziell stellt die „Muslimische Weltliga“ oder – kurz auf Arabisch - „Rabitah“ sich als Nichtregierungsorganisation dar, längst wird sie aber als „GONGO“ bezeichnet – eine „regierungsbetriebene Nichtregierungs-Organisation“. Denn die Liga wurde nicht nur 1962 im saudischen Mekka gegründet und ihr Generalsekretär muss Saudi sein, sie wird auch in überwiegendem Maße von Saudi-Arabien finanziert. Und das war nicht wenig Geld – nach inoffiziellen Schätzungen weit über 100 Milliarden Dollar weltweit – zur Förderung islamischer Wissenschaft, Bildung und Erziehung, zum Bau von Moscheen, für humanitäre Projekte und für größeren Zusammenhalt in der islamischen Welt.

Die Dringlichkeit von mehr Einheit in der islamischen Welt sei unverändert groß, meint Dr. Nadeem Elyas, aus Saudi-Arabien stammender ehemaliger Vorsitzender des „Zentralrats der Muslime“. Dass die „Muslimische Weltliga“ ein Instrument Saudi-Arabiens sei, wie Kritiker ihr vorwerfen – und zwar zur Förderung der konservativen wahhabitischen Ausrichtung des Islam – lässt Elyas nicht gelten. Zusammenarbeit sei sehr wichtig und einer habe nun einmal den Anfang machen müssen.

O-Ton 01 Elyas (Deutsch):
„Man muss dazu erwähnen, dass die „Rabitah“ keine Konferenz der Staatsoberhäupter, sondern der Gelehrten aus der islamischen Welt (ist). Das heißt, ihre Entscheidungen haben nur einen empfehlenden Charakter und keine Durchsetzungskraft.  Aber trotzdem war es sehr wichtig, dass so etwas zustande gekommen ist“.

Der größte Erfolg in der Arbeit der letzten Jahre liege zweifellos in den Bemühungen um Dialog und Verständigung zwischen der islamischen Welt und anderen Religionen. Zunächst traf man sich im Frühjahr 2008 in Mekka, um sich auf muslimischer Ebene auf diese Linie zu einigen und die Bereitschaft des Islam zum Dialog hervorzuheben.  

O-Ton 02 Elyas (Deutsch):
„Das war der erste Schritt und der zweite folgte direkt danach, indem man dann die anderen Religionen eingeladen hat nach Madrid – auch unter Federführung der „Rabitah“ – und man hat dann zuletzt auch einen weiteren Erfolg erzielen können, indem  der Dialog der Religionen und Nationen und Kulturen auc h auf die Tagesordnung der UN gesetzt wurde, wo auch (Staats) - Oberhäupter dies mitdiskutiert haben.

Natürlich habe man auch Misserfolge erlebt. Etwa, wenn Hilfsprojekte der Liga für notleidende Muslime – zum Beispiel Kriegsopfer – nicht von allen muslimischen Staaten unterstützt  wurden oder wenn einzelne muslimische Staaten sich nicht an die Empfehlungen der Gelehrten in Mekka halten. Aber dies sei nun einmal auch ein Bestandteil des Islam: Dass die Empfehlungen der Gelehrten erst dann gültig sind, wenn sie von den Regierungen umgesetzt werden.

Bei den Bemühungen um inner-muslimische Einheit schließe man im Übrigen auch die Schiiten mit ein. So tage seit Jahren in Teheran eine Konferenz der „Muslimischen Weltliga“, deren Aufgabe es ist, die Arbeit der religiösen Rechtsschulen untereinander zu koordinieren. Gegenüber anderen, kleineren Richtungen aber hat die „Rabitah“ sich in der Vergangenheit durchaus auch unnachgiebig gezeigt. So wurde die „Ahmadiya“-Bewegung ausgeschlossen und die Islam-Ideologie Muamer al-Gaddafis als Unglaube abgelehnt und verurteilt.   

 Manchmal, so Nadeem Elyas, erwarte man aber auch zu viel von der Liga: Sie solle weit mehr Projekte unterstützen als ihr dies finanziell möglich sei. Aber er hoffe, dass sich dies in Zukunft bessere und man – besonders auf dem Bildungssektor mehr tun könne. Wie er auch hoffe, dass die heute noch sehr auf Saudi-Arabien konzentrierte Ausrichtung sich künftig gleichmäßiger auf mehr Schultern verteile. Sorgen bereite schließlich aber auch, dass der Organisation immer wieder noch Misstrauen entgegengebracht werde, besonders seit dem 11. September:

O-Ton 03 Elyas (Deutsch):
„Man hat alles, was islamisch ist, nach dem 11. September in Frage gestellt. Auch die „Rabitah“, obwohl die „Rabitah“ ein Beobachtungsmitglied der UN ist und erhaben ist über Unterstützung von Terrorismus. Aber dieses Misstrauen besteht und die „Rabitah“ muss dran arbeiten, ihr Image jetzt zu verbessern und Kontakte verstärkt in der nicht-islamischen Welt zu pflegen und zu initiieren“.


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Anerkennung als Religionsgemeinschaft gefordert

DITIB will Dialog-Schwierigkeiten überwinden

En Beitrag für die Deutsche Welle

Peter Philipp, den 28.06.2010

Versuche, das Zusammenleben mit der wachsenden Minderheit von - gegenwärtig rund 3,5 Millionen - Muslimen in Deutschland zu ordnen und zu gestalten, sind nicht neu. Sie reichen von interreligiösen über kommunale Kontakte bis hin zu der vom Bundesinnenministerium ins Leben gerufenen „Islam-Konferenz“, die  kürzlich in die zweite Runde ging. (Die konkreten Fragen des Miteinanders zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sind vom Gesetz her aber eine Angelegenheit der Länder und nicht des Bundes). Trotz all dieser Bemühungen von nichtmuslimischer wie auch muslimischer Sete bleiben bisher zahlreiche Probleme ungelöst. Zum Beispiel die Frage von islamischem Religionsunterricht an den Schulen und der Ausbildung von Imamen. Auf diesen Bereichen zu einvernehmlichen Regelungen zu gelangen, ist nach Meinung der Behörden besonders deswegen kompliziert, wenn nicht gar unmöglich, weil die Muslime  Deutschland nicht als eine Einheit auftreten. Sie haben unterschiedliche Herkunftsländer, unterschiedliche Muttersprachen, gehören unterschiedlichen Richtungen des Islam an und sie sind in unterschiedlichen Verbänden organisiert, die keineswegs so einheitlich operieren wie sie es gerne darstellen, und die letztlich auch nur eine kleine Minderheit von schätzungsweise  zehn Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vertreten.   

Solange dieser Zustand anhält, wird es schwer sein, „den Islam“ in Deutschland  als gleichberechtigen Gesprächspartner anzuerkennen  analog zu den christlichen Kirchen und dem „Zentralrat der Juden in Deutschland“, die als „Körperschaften des öffentlichen Rechtes“ anerkannt sind. Ebenso lange wird dieser Zustand auch den Gegnern einer besseren Integration von Muslimen als Vorwand dienen, solche Bemühungen nicht allzu intensiv voranzutreiben.

Der größte muslimische Verband in Deutschland, die von der Türkei unterstützte DITIB („Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.“), die in Deutschland knapp 900 muslimische Gemeinden vertritt,  macht nun einen Vorstoß, aus dieser Sackgasse herauszukommen:  DITIB fordert als ersten Schritt die Anerkennung als Religionsgemeinschaft.  Das ist zwar noch nicht die letztlich angestrebte Gleichstellung zu den Kirchen und dem Zentralrat der Juden, aber dafür sei es jetzt vielleicht noch zu früh, meint der Dialogbeauftragte von DITIB, Bekir Alboga:

O-Ton 01, Alboga (Deutsch):
„Deswegen  beabsichtigen wir zunächst mal die Anerkennung als Religionsgemeinschaft. In Zukunft, irgendwann, wenn wir dann alle Voraussetzungen erfüllen, könnten wir auch die Körperschaft des öffentlichen Rechtes  beantragen. Momentan würde uns aber - um den islamische Religionsunterricht einführen zu können – genügen, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden“.

Für Alboga gibt es keinen Zweifel, dass DITIB prädestiniert ist für eine solche Aufgabe: Der Verband vertrete eine der Demokratie verpflichtete Richtung des Islam, wie er in der Türkei praktiziert werde, DITIB sei überdies aber ein deutscher Verband, der in Deutschland zugelassen und anerkannt sei und etwa eine Million seiner Mitglieder seien inzwischen deutsche Staatsangehörige. Der Verband kümmere sich auch um die unterschiedlichsten Bereiche des muslimischen Lebens – von der seelsorgerischen Betreuung über Erziehungsfragen bis zu sozialen Problemen. DITIB könne deswegen mit Fug und Recht  als Religionsgemeinschaft anerkannt und kompetenter Gesprächspartner im interkulturellen Dialog akzeptiert werden. DITIB könne auch dazu beitragen, falsche Bilder des Islam in der Öffentlichkeit und besonders den Medien zurechtzurücken und DTIB sei bereits gefragter Ansprechpartner bei allem, was man in Deutschland über Islam wissen wolle:

O-Ton 02 Alboga:
„Wir werden um Gutachten gebeten, was islamischen Schächten oder Schlachten angeht, oder jetzt Ausbildung von muslimischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Also: Man braucht unbedingt einen Ansprechpartner, mit dem man verbindliche Vorgehensweisen und Vereinbarungen treffen kann. Es ist mittlerweile notwendig geworden, einen Ansprechpartner für die Muslime zu schaffen“.

Will DITIB also die anderen muslimischen Verbände ausschalten und will es diese durch ihr jetziges Vorpreschen bevormunden? Keineswegs, meint Alboga. Die anderen könnten sich der Initiative von DITIB ja anschließen. Wichtig sei einfach, dass erst einmal einer den ersten Schritt unternehme. Bisher  habe man zwar unter anderem einen „Zentralrat der Muslime“ und einen „Koordinierungsrat“, aber beide seien bisher nicht in er Lage, sich auf so umfassende Weise der unterschiedlichen Sorgen und Nöte der Muslime in Deutschland anzunehmen. Und wenn DITIB jetzt den ersten Schritt unternehme, dann sei man natürlich zur Zusammenarbeit mit den anderen bereit:

O-Ton03 Alboga:
„Wir möchten, wenn wir zum Beispiel einen Lehrplan für islamische Theologie entwickeln, mit den anderen muslimischen Religionsgemeinschaften unbedingt zusammen entwickeln. Anstellung von muslimischen  Religionslehrerinnen und Religionslehrern wollen wir zusammen erörtern. Wir kommen hier um Beispiel für die Einsetzung eines Beirates für islamische Theologie an der Universität Münster oder Heidelberg oder Tübingen schon zusammen. Die Zusammenarbeit zwischen den muslimischen Religionsgemeinschaften wird fortgesetzt“.

Von nicht-muslimischer Seite gibt es bisher keine offizielle Reaktion auf den Vorschlag von DITIB. Mit Sicherheit wird das – schon allein wegen der föderativen Struktur eines solchen Anerkennungsprozesses einige Zeit dauern. Alboga zeigt sich jedoch zuversichtlich. Einer der Innenminister habe ihm bereits versichert, in seinem Ministerium sei die Frage bereits „in Arbeit“
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Kein "Deutscher Islam" auf dem Verordnungsweg
Zweite Islamkonferenz mit schlechten Vorzeichen

Ein Kommentar für die Deutsche Welle
Peter Philipp, den  13.05.2010     (Deutsche Welle, Bonn)

Grundsätzlich ist die Idee einer Islam-Konferenz zu begrüßen, denn generell gilt doch: Probleme müssen im offenen Dialog erörtert und gelöst werden. Und  die gibt es im Miteinander der nicht-muslimischen Mehrheit und der muslimischen Minderheit in Deutschland – wie auch anderswo in Europa – zur Genüge.  Kritik deswegen nicht am Ansatz der Konferenz, aber doch an ihren offenen oder auch verdeckten Zielen:

Als die Konferenz im Jahr 2006 zum ersten Mal zusammentrat, da sprach man zwar von einem langfristigen Projekt, vier Jahre später aber scheint dies für manche der Gewissheit gewichen zu sein, dass hier im Kreis diskutiert wird – ohne konkrete Ziele zu erreichen.. Die zweite Runde der Konferenz steht deswegen unter denkbar schlechtem Stern: Ein Teil der Teilnehmer wurde vom gastgebenden Innenminister ausgetauscht, ein anderer ausgeschlossen und ein dritter – der Zentralrat der Muslime - hat sich nun selbst zurückgezogen.

Der Zentralrat bemängelt vor allem, dass die Konferenz keine Fortschritte gemacht habe in Richtung auf eine Anerkennung der Muslime als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft neben Christen und Juden. Ein nicht ganz fairer Vorwurf, denn die Muslime treten in Deutschland ebenso wenig vereint und organisiert auf wie anderswo.  Was von der Politik zwar gelegentlich bedauert wird, ihr aber auch als Vorwand dient, die Muslime in gewisser Weise zu bevormunden. So spricht man ihnen nur allzu oft jede Integrationsbereitschaft ab und tut so, als könne Integration auf dem Verordnungsweg erreicht werden.

Etwa: Die Akzeptanz der deutschen oder europäischen Werte müsse Voraussetzung für eine Einbindung der Muslime sein. So als sei dies nicht bei der großen Mehrheit der Muslime in Deutschland längst der Fall. Oder: Man schließt eine Organisation wie den „Islamrat“ von der Konferenz aus, weil gegen einige ihrer Funktionäre polizeiliche Untersuchungen eingeleitet seien. Keine Unschuldsvermutung und auch keine Unterscheidung zwischen den Verdächtigten und ihrer Organisation. Und schließlich: Schon in der ersten und jetzt wieder in der in der zweiten Runde sind einzelne Teilnehmer eingeladen, die zwar Muslime sind, aber niemanden vertreten außer sich selbst. Einige von ihnen auch noch heftige Islamkritiker – sicher nicht die beste Voraussetzung für ein Gelingen der Konferenz.

Ziel der immer wieder beschworenen Integration von Muslimen in Deutschland muss sein, dass diese ihren festen Platz in der deutschen Gesellschaft bekommen und auch einnehmen. Das aber geht nur in gegenseitigem Einverständnis und die Politik begeht einen massiven Denkfehler, wenn sie meint, sie könne sich mit ihr genehmen Gesprächspartnern einen „deutschen Islam“ basteln.  Wenn so etwas auch nur annähernd je geben wird, dann sicher nicht auf dem Verordnungsweg, sondern nur als Ergebnis einer erfolgreichen Integration. Die sollte denn auch für beide Seiten  Hauptthema der Konferenz sein. Bisher war das nicht so und es sieht nicht so aus, als würde sich daran etwas ändern.          

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Ohne eigene Imame keine Integration
Ein Gespräch mit Prof. Rauf Ceylan

Ein Beitrag für die Deutsche Welle
Peter Philipp, den 15.04.2010

Zu Beginn des Jahres hatte der „Wissenschaftsrat“ der Bundesrepublik empfohlen, deutsche Universitäten sollten mit neu zu schaffenden Lehrgängen die Ausbildung von Imamen ermöglichen. Ein Verschlag, der auf fruchtbaren Boden fiel, denn in mehreren Hochschulen werden bereits Vorbereitungen getroffen für die Einführung dieses neuen Studiengangs. Unter anderem an der Universität Osnabrück: Hier ist besonders aktiv Prof. Rauf Ceylan, 33,  in Duisburg geborener Sohn kurdischer Eltern, der gerade eine Untersuchung veröffentlicht hat über Imame in Deutschland und dabei feststellt, dass diese Frage bisher  fast völlig vernachlässigt wurde, obwohl sie doch eigentlich im Zentrum der Diskussion über die Integration von Muslimen in Deutschland steht:

O-Ton 01 Imame (Ceylan):
„Das ist sehr wichtig, denn in Deutschland leben mittlerweile etwa 4,2 Millionen Muslime. Etwa 2500 islamische Einrichtungen in Deutschland - wobei wir annehmen, dass über 2000 Moschee-Vereine sind – und wir müssen annehmen, dass über 2000 Imame in Deutschland tätig sind.“

Diese Imame sind religiöser Bezugspunkt der Gemeinden, sie kümmern sich aber auch um deren  Alltagssorgen und –nöte und sollen ihnen Rat und Hilfe geben. Das aber ist nur sehr begrenzt möglich, denn die meisten der in Deutschland tätigen Imame kennen sich hier gar nicht aus:

O-Ton 02 Imame (Ceylan):

„Über 90 Prozent der Imame kommen in der Tat aus dem Ausland, über 70 Ptrozent davon sind türkische Imame, die türkischsprachig sind und die deutsche Sprache nicht beherrschen. Das ist eben ein Problem und deshalb wäre es wichtig, dass wir kurzfristig Imame in Deutschland fortbilden – dass sie die deutsche Sprache lernen, dass sie landeskundlichen Unterricht erhalten. Hier an der Universität Osnabrück beginnen wir 200 mit diesem Programm, aber mittelfristig müssen wir Imame selbst ausbilden. Das heißt: Junge Muslime, die hier in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert sind  und die dann die Möglichkeit haben, auch islamische Theologie in Deutschland zu studieren“.



Ein Problem dürfte bei der Frage aufkommen, wer die Universitäten denn autorisiert, solche Lehrgänge anzubieten. Denn im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es bei den Muslimen keine zentrale geistliche Autorität – und schon gar nicht in Deutschland -  auf die man sich dabei stützen könnte. Prof. Ceylan sieht eine Lösung darin, dass den Universitäten ein Beirat zugeordnet wird, dem Vertreter der muslimischen Verbände angehören sollen, aber  auch international anerkannte Theologen. Man werde sich um ein möglichst breites Bild bemühen und nicht etwa der einen oder anderen Richtung allein folgen. Orientierungspunkt sei der „Grundkonsens“ der Muslime in Deutschland. Sunniten und Schiiten sollten ebenso beteiligt werden wie Türken, Araber, Bosnier, Kosovaren und andere muslimische Gruppierungen.

Solche Vielfalt verstärkt die Forderung deutscher Stellen, dass die Predigten in den Moscheen in deutscher Sprache gehalten werden. Prof. Ceylan ist grundsätzlich dafür, mahnt aber zu Geduld:

 

O-Ton 03 Imame (Ceylan):
„Also, ich finde es falsch, das von oben aufzwingen zu wollen. Es ist ohnehin ein Prozess. Derzeit wird nur aus Rücksicht auf die erste Generation in der jeweiligen Herkunftssprache gesprochen, zum Teil gibt es auch schon  Moscheevereine, die zweisprachig predigen. Das heißt,  im ersten Teil der Predigt entweder Türkisch, Arabisch oder Bosnisch und dann gibt es eine kleine Zusammenfassung…“

Ideal sei dies nicht, aber es handle sich hier klar um dein Generationen-Problem, das sich mit der Zeit von alleine lösen werde. Anders als das der Imame, die hier fremd sind. Dieses Problem muss aktiv gelöst werden. Zumal das Verhältnis der muslimischen Jugend zur Religion sich verändert: Man sei der Religion zwar demonstrativ verbunden, aber es deuteten sich doch klare Veränderungen an:

 O-Ton 04 Imame (Ceylan):
„Interessant ist zum  Beispiel, dass junge Muslime, die ein anderes Religionsverständnis vertreten, die liberaler sind und sich hier heimischer fühlen,  sich von den Moscheevereinen abkoppeln. Das ist ein brain-drain-Prozess, der ganz neu ist. Sie schaffen eigenständige Strukturen und das ist ein zartes Pflänzchen, Das heißt: Wir müssen erst einmal abwarten, wie der Prozess sich entwickeln wird“.

Positiv dabei sei, dass diese jungen Leute zwar den Kontakt zur muslimischen Basis verlieren, dafür aber mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf gleicher Augenhöhe kommunizieren können. Ihnen wird es auch leichter fallen, ihre eigenen Problerme anzusprechen und zu lösen. Ob die breite Mehrheit der Muslime in Deutschland davon profitiert, wird wiederum weitgehend vom Verhalten der muslimischen Verbände  abhängen. Etwa, ob sie sich für einen liberaleren oder einen eher konservativen Kurs entschließen. Und es dürfte auch davon abhängen, in welchem Umfang es der Türkei gelingt, über die Imame ihre Kontrolle über die Mehrheit der Muslime in Deutschland auszubauen und zu festigen:
O-Ton 05 Imame (Ceylan):„In den siebziger Jahren ist in Deutschland ein Vakuum entstanden. Die Betreuung der  muslimischen  so genannten Gastarbeiter wurde überhaupt nicht berücksichtigt. Weder von der türkischen Seite noch von der deutschen Seite. Dieses Vakuum haben die Muslime selbst hier gefüllt. Das heißt, man hat angefangen, durch Bürgerinitiativen eigene Strukturen aufzubauen. Anfang der achtziger Jahre hat der türkische Staat davon Kenntnis genommen und gemerkt: Hier gerät etwas außer Kontrolle“.
Ankara habe daraufhin Strukturen aufgebaut, um den hier lebenden Türken zu helfen – von denen man damals annahm, dass sie eines Tages in ihre Heimat zurückkehren würden. Seitdem haben die Dinge sich aber verändert: Die meisten Türken sind längst sesshaft geworden hier und das gerade in letzter Zeit verstärkte Bemühen der Türkei um diese Menschen ist nach Meinung von Ceylan heute aber keineswegs konstruktiv:
O-Ton 06 Imame (Ceylan):       
„Problematisch finde ich es schon, weil die Muslime hier gerade dabei sind, eine eigene Identität in Deutschland zu entwickeln. Und ich glaube, dass diese Bestrebungen eher kontraproduktiv sind, wenn der türkische Staat versucht, nach wie vor die Bindung zu stärken, dass man nach wie vor versucht, Imame aus der Türkei nach Deutschland zu senden, um nicht nur die Religion zu vermitteln, sondern auch, um Heimatpflege zu betreiben“.
Von offizieller deutscher Seite habe man diesen Bemühungen Ankaras bisher nichts entgegengesetzt, Leute wie Prof, Ceylan aber werden dafür umso resoluter: Das Ziel sei klar: Imame müssten in Deutschland ausgebildet werden, sonst gefährde man jede Bemühung um Integration.     
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Terroristen zur Hölle
Fatwa gegen religiös verbrämte Gewalttaten
Ein Beitrag für Deutsche Welle

Peter Philipp, den 03.03.2010

“Terrorismus ist Terrorismus, Gewalt ist Gewalt. Hierfür gibt es keinen Platz in der Lehre des Islam, keine Rechtfertigung und keine Art der Entschuldigung – ohne jedes Wenn und Aber“. Der 59-jährige Muhammad Tahir ul-Qadri stammt aus Pakistan, ist Leiter der (inzwischen weltweit operierenden) sunnitischen „Minhaj ul-Quran“ Bewegung und gilt als einer der wichtigsten Islam-Gelehrten in Großbritannien. Grund genug, der in London abgegebenen Erklärung  ul-Qadris einige Bedeutung beizumessen.  Zumal er sie als Teil einer „Fatwa“ gegen den Terrorismus veröffentlicht hat - eines religiösen Rechtsgutachtens, mit dem er junge Muslime vor der Verführung durch radikale Elemente und Gruppen zu schützen hofft.

Es waren die Gewalttaten in Pakistan und die zunehmende Radikalisierung von Muslimen an britischen Universitäten, die ul-Qadri zu diesem Schritt veranlassten, aber er bezieht sich auf Terrorismus im Namen des Islam generell. Und die Fatwa ist mehr als der Spruch eines Gelehrten: Ul-Qadri unterlegt sie in einem 600-Seiten Text mit Koran-Zitaten und anderen Texten, durch die klar hervorgehen soll, dass Gewalt dieser Art durch nichts in der Lehre des Islam gedeckt ist. Ul-Qadri geht sogar so weit, die Täter als „Ungläubige“ zu verurteilen, auf die das Höllenfeuer warte. Auch die Begriffe „Märtyrertum“ und „Jihad“ dürften nicht in Zusammenhang gebracht werden mit Terrorakten.

Die (am Dienstag veröffentlichte) Fatwa löste über Großbritannien hinaus einiges Aufsehen aus, besonders in den Kreisen, die bisher immer behaupteten, muslimische Gelehrte und Würdenträger distanzierten sich nicht entschieden genug von terroristischen Gewalttaten. Dabei ist die Fatwa ul-Qadris vielleicht der umfangreichste, keineswegs aber der erste Aufruf dieser Art: Nach den Anschlägen von London veröffentlichten die wichtigsten Imame Großbritanniens eine scharfe Verurteilung des Terrorismus, in Wien wurde eine Fatwa im selben Sinne erlassen, das Oberhaupt der schiitischen Gemeine in Hamburg sowie die Führer der muslimischen Verbände in Deutschland gaben ähnliche Erklärungen ab. Aber auch in der arabischen Welt mehrten sich Erklärungen und Fatawa (Plural von Fatwa) dieser Art:

Dem Königshaus nahestehende saudische Gelehrte verurteilten den Terrorismus und beteiligten sich an Aussteigerprogrammen für islamistische Gewalttäter, es war aber besonders Scheich Mohammed Sayed Tantawi von der Kairoer „Al Azhar“-Universität, der nach längerem Schweigen immer wieder offen gegen islamistischen Terrorismus auftrat. Nach den Anschlägen von London und einem schweren Anschlag in Sharm-el-Sheich verkündete der ranghöchste Imam von „Al Azhar“, es könne keine Rechtfertigung für die Gewalttaten gegen unschuldige Zivilisten geben: „Wenn die Terroristen behaupten, sie folgten dem Gebot des Islam, dann sind sie Lügner und Scharlatane, und der Islam sagt sich von ihnen los.“

Religiös verbrämter Terrorismus hörte trotz solcher Aufrufe und Verurteilungen – auch in Form einer Fatwa – allerdings nicht auf. So wird auch die neue Fatwa  von London ihm kein Ende setzen. Eine Fatwa ist zwar ein verbindliches Rechtsgutachten, aber es gibt keine klaren Regeln, wer welche Fatawa befolgen muss: Die muslimische Welt ist dazu zu sehr in verschiedene Strömungen aufgespalten, die einander teilweise nicht anerkennen oder zumindest miteinander konkurrieren (wie etwa Sunniten und Schiiten). Und es gibt auch keine klare religiöse Hierarchie, die das Wort des obersten Führers als unumstößlich akzeptieren würde. Und schließlich: Auch scharfe Islamkritiker räumen ein, dass radikale Muslime nur eine Minderheit sind. Und diese radikale Minderheit wird auch weiterhin nichts auf das Wort eines Mannes wie ul-Qadri geben und wird ihn eher als Feind betrachten und behandeln.  Und die große Mehrheit der gemäßigten und friedfertigen Muslime wird mit einer Fatwa wie der von London nicht viel anfangen können: Was da gesagt wird, ist für sie ohnehin selbstverständlich.  

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Ein Schritt zur Integration von Muslimen
Wissenschaftsrat empfiehlt Ausbildung von Imamen an deutschen Hochschulen

Ein Beitrag für Deutsche Welle

Peter Philipp, den 03.02.2010Bundesbildungsministerin Annette Schavan und die

Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer  gehören zu den ersten in der deutschen Politik,, die eine neue Initiative begrüßen und unterstützen wollen, deren Hauptziel es ist, die Integration von Muslimen in Deutschland weiter zu erleichtern und zu verbessern. Der Vorschlag kam vom Wissenschaftsrat, einem akademischen Gremium, das die Bundes- und die Länderregierungen in Fragen von Wissenschaft und Forschung beraten soll. Der Rat empfahl dieser Tage, dass an deutschen Hochschulen die Voraussetzungen zur Ausbildung von Imamen geschaffen werden.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Prof. Peter Strohschneider von der Universität München, hält die Empfehlung seiner Organisation für  dringend geboten:

O-Ton 01, Strohschneider.
„Es leben vier Millionen Muslime in Deutschland - deren Kinder haben Anspruch auf Religionsunterricht im Rahmen staatlicher Schulen. Das setzt voraus, dass Religionslehrer ausgebildet werden können, das setzt seinerseits eine entwickelte islamische Theologie  an staatlichen Universitäten voraus“.

Die aber gibt es bisher nicht. An der Universität Frankfurt ist zwar die Ausbildung von Imamen geplant, an anderen Hochschulen werden erste Anfänge von Lehrerausbildung für den islamischen Schulunterricht gemacht und der „Verband islamischer Kulturzentren“ bildet seinerseits seit einigen Jahren Imame aus, die dann – wie zum Beispiel in Köln – ihre Freitagspredigt auch in Deutsch halten:

O-Ton 02, Freitagspredigt in Deutsch, nur  Anfang…
Dies ist aber die Ausnahme. In der Regel beten die Imame in deutschen Moscheen in Türkisch und Arabisch. Nicht allein, weil Arabische die Sprache des Koran ist oder weil die meisten Muslime in Deutschland aus der Türkei stammen: Auch die meisten Imame kommen aus der Türkei und werden von der dortigen Religionsbehörde „Diyanet“ ausgesucht und nach einer kurzen Vorbereitung nach Deutschland geschickt. Deutsch gehört nur am Rande zu ihrer Vorbereitung, auf das was sie an deutscher  Lebenswirklichkeit an ihrem neuen Arbeitsplatz erwartet, kann man diese Imame nicht vorbereiten. Und sie sind deswegen nur sehr bedingt in der Lage, die Sorgen und Nöte ihrer Gemeinden in Deutschland zu verstehen, für die sie ja auch seelsorgerisch tätig sein sollen.

Bekir Alboğa ist Dialogbeauftragter von DITIB, der in Deutschland etablierten Gegenstelle der türkischen Religionsbehörde. Er teilt das Misstrauen verschiedener deutscher und muslimischer Kreise in Deutschland gegen die vermeintlich zu enge Verbindung mit der Türkei nicht. Dahinter steckten keine politischen Motive. Und eine engere Vertrautheit mit den deutschen Gegebenheiten wie auch bessere Deutschkenntnisse könne man ja erreichen, indem man den aus der Türkei kommenden Imamen entsprechende Zusatz-Kurse in Deutschland anbietet. Schon vor Monaten habe man ein solches Angebot gemacht, die deutschen Behörden seien aber nicht darauf eingegangen.

Und was die gelegentlich bezweifelte fachliche wie gesellschaftspolitische Qualifikation der Imam aus der Türkei betreffe, so zeigt sich Alboğa resolut:

O-Ton 03,  Alboğa:

„Die Imame sind aufgeschlossene, aufgeklärte Imame. Sie haben ein Hochschulstudium absolviert an dem modernsten Universitäten der Türkei, sie trennen die politischen Angelegenheiten absolut von religiösen Angelegenheiten – das ist sehr wichtig – und wir sind mit unseren Imamen sehr sicher, dass sie:  a – die Integration fördern, b – ihre deutschen Sprachkenntnisse immer verbessern möchten und c – sie sind absolut dagegen, dass man politische und religiöse Angelegenheiten miteinander verbindet“.

Die Meinungsverschiedenheiten über das Thema gehen aber längst tiefer. So trifft es sicher zu, dass Gottesdienste in Deutsch ein deutliches Zeichen wären, dass die Muslime sich mehr in die deutsche Gesellschaft integrieren. Für ältere Muslime – etwa ehemalige Gastarbeiter aus der Türkei – trifft das aber nicht zu: Viele von ihnen haben nie richtig Deutsch gelernt  und es wäre schon etwas makaber, wenn man ihnen nun Predigten in Deutsch vorschriebe – wie manche besonders Hartnäckige in Deutschland mit Nachdruck fordern.

Die Kinder wiederum, die auf deutsche Schulen gehen, sollten dort islamischen Religionsunterricht in Deutsch erhalten, wie auch katholische und protestantische Kinder ihren Religionsunterricht in Deutsch erhalten. Ähnliche Gleichbehandlung erhofft sich Prof. Schröter von der Berliner Humboldt-Universität nun auch durch eine Einführung von Imam-Ausbildung an deutschen Hochschulen:

O-Ton 04 Schröter:


O-Ton 04 Schröter:
„Unser Interesse ist, das theologische Arbeit sowohl christlicherseits als dann auch islamischerseits an den Universitäten unter den Voraussetzungen, die für die Wissenschaftskultur in unseren Räumen gelten, stattfindet.“

Dies dürfte ein frommer Wunsch bleiben, wie das Beispiel Münster gezeigt hat: Dort wurde vor einigen Jahren ein deutscher Muslim, Prof. Sven Mohamed Kalisch, zum Leiter eines Instituts für Islamlehrer-Ausbildung berufen. Kalisch musste inzwischen freigestellt werden, weil er in einer akademischen Arbeit geschrieben hatte, es sei ja keinesfalls sicher, dass es den Propheten je gegeben hat. Muslimische Verbände forderten daraufhin die Absetzung und drohten mit einem Boykott des Seminars. Kalisch beruft sich bis heute auf die akademische Freiheit und er soll sich Hoffnungen machen, die auch in Münster geplanten Ausbildung von Imamen zu leiten.

Dem werden die muslimischen Verbände kaum zustimmen. Und dass sie ein Mitspracherecht bekommen müssen, steht bisher für alle Beteiligten  fest. Die anderen Religionsgemeinschaften  hätten ja dieselben Rechte bei der Ausbildung ihrer Geistlichen.  Bildungsministerin Schavan sieht denn bei all ihrer Zustimmung zu dem Projekt hier bereits eine Gefahr:

 O-Ton 05 Schavan:
„Der schwierigste Teil wird sein, Gespräche zu führen, bei denen am Ende ein Modell für eine Partnerschaft zustandekommt“.

Trotz solcher Bedenken und Gefahren: Es ist ein erster, wichtiger Schritt gemacht worden. Und die Lösung wird vermutlich in der Synthese der unterschiedlichen Iden liegen: Seminare zur Imam-Ausbildung können nicht von heute auf morgen etabliert werden, das Studium kann bis zu fünf Jahre dauern und so wird es noch Jahre dauern, bis es n Deutschland ausreichend Imame gibt, die in Deutschland aufgewachsen sind n Deutsch sprechen. Bis dahin werden wohl weiterhin Imme aus der Türkei nach Deutschland kommen und auch dies hat letztlich seine positiven Seiten .    
                                                          

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"Natürlich gibt es ein paar Durchgeknallte"
Islam in Europa

Ein Beitrag für Deutsche Welle
Peter Philipp, den 06.12.2009

Seitdem die Schweizer in einer Volksabstimmung mehrheitlich den Bau von Minaretten abgelehnt haben, ist in Europa die Debatte über Umgang, Dialog und Koexistenz mit dem Islam erneut entfacht und sie scheint den Verdacht zu bestätigen, dass Misstrauen, Argwohn und offene Ablehnung weiter wachsen. Peter Philipp untersucht die Hintergründe:

Das Strickmuster ist überall dasselbe: In der Schweiz wie in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien oder auch Frankreich wird das Entsetzen der einen über das Minarett-Verbot gekontert von vermeintlich verständnisvollen Experten oder auch Politikern, die erklären, man müsse doch auch „die Ängste in der Bevölkerung verstehen“, vom Islam langsam aber sicher dominiert und in den Hintergrund gedrängt zu werden. Selbst wenn es in Frankreich – dem Land mit der größten muslimischen Minderheit – rund vier Millionen Muslime gibt, so stellen sie doch nur etwas mehr als sechs Prozent der Gesamtbevölkerung, in Großbritannien sind es knapp drei Prozent und in Deutschland maximal fünf.

Grund genug für den jüdischen Talkmaster Michel Friedmann, in einer Fernsehdiskussion ketzerisch zu fragen:

O-Ton 01, Friedmann:
„Wo ist eigentlich das Selbstbewusstsein der christlichen Mehrheitsgesellschaft, dass sie so furchtbar Angst hat vor fünf Prozent Menschen, die hier leben? Vor allen Dingen: Die meisten dieser fünf Prozent bieder, spießig, langweilig und lieb – wie die deutschen christlichen Nachbarn“

Es ist wohl weiterhin in erster Linie die Angst vor dem Unbekannten – der fremden Religion, aber auch all dem, was von Radikalen auf beiden Seiten mit ihr in Verbindung gebracht wird. Besonders seit dem 11. September. In ihrer Unwissenheit über die andere Religion werfen die Alteingesessenen schon Begriffe wie „Islam“ und „Islamismus“ durcheinander und nicht wenige von ihnen identifizieren den Islam mit Terrorismus oder doch zumindest dem Mangel an Respekt vor den Menschenrechten und der wild entschlossenen Absicht, das „christliche Abendland“ langsam aber sicher zu „islamisieren“:

Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime“ sieht die Gründe auch jenseits religiöser Empfindungen:

O-Ton 02, Mazyek:
„Das Problem liegt darin, dass man in den muslimischen Bürgern einen Abgesandten sieht eines muslimischen Landes. Und das ist nicht der Fall. Er ist ein deutscher Bürger, mit Rechten und Pflichte, gleich wie ein anderer – christlicher, jüdischer oder atheistischer – Bürger“.

In der Schweiz war es die Frage der Minarette, in Deutschland schon wiederholt der Bau von Moscheen selbst, die zeigten, wie sehr manche allein schon den Anblick eines untypischen Gotteshauses zu fürchten scheinen. Je größer der Bau, desto größer auch die Furcht vor der vermeintlichen Absicht des Islam, Europa zu dominieren. Dazu dann in zahlreichen Ländern die Erklärungen radikaler Muslime, man werde in Europa zur ersten und wichtigsten Religion aufsteigen und anstelle von Demokratie die Shari’a einführen. Sprüche, die von radikalen Islam-Gegnern dankbar aufgegriffen und verbreitet werden, weil sie das Misstrauen gegenüber den Muslime festigen. Mazyek verwirft solche Erklärungen:

O-Ton 03, Mazyek:
„Natürlich gibt es ein paar Durchgeknallte, die immer wieder versuchen, die Religion da und dort zu instrumentalisieren. Aber wir müssen doch – bitte schön – die Moschee im Dorf lassen und die Prozente richtig benennen“.

Vorboten solcher Bestrebungen sind in den Augen mancher Europäer eine mangelnde Bereitschaft der Muslime, sich in die europäische Gesellschaft zu integrieren und statt dessen in einer „Parallel-Gesellschaft“ zu leben. Und schnell wird dann von der Gegenseite der Begriff der „Leitkultur“ vorgebracht, der die Muslime sich doch gefälligst unterzuordnen hätten.

In den Niederlanden tut sich besonders der rechtspopulistische Vorsitzende der „Freiheitspartei“, Geert Wilders, hervor: Immer wieder warnt er vor den vermeintlichen Gefahren des Islam: Der Tag sei nicht fern, an dem die Muslime dreißig oder vierzig Prozent in Europa ausmachten und damit den ganzen Kontinent veränderten. Wilders will dem vorbeugen, indem er Muslimen, die sich nicht anpassen wollen, ganz offen mit Ausweisung droht:  

O-Ton 04 Wilders (Englisch):
„Meine Botschaft ist ganz klar: Wenn ihr euch an unsere Gesetze haltet, an unsere Werte, das Rechtssystem und unsere Verfassung, dann könnt ihr gerne bleiben und ihr seid allen anderen gleichgestellt und wir werden euch sogar helfen. Tut ihr das aber nicht, wenn ihr Verbrechen begeht, wenn ihr an Jihad und Shari’a denkt, dann ist es ganz klar: Dann könnte ihr eure Sachen packen und wir werden euch die holländische oder dänische Staatsangehörigkeit aberkennen und euch wegschicken“.
 
Solch markige Erklärungen finden zunehmend Zuspruch in Europa. Dabei ist der Hintergrund der jeweiligen muslimischen Minderheit keineswegs immer vergleichbar von einem Land zum anderen: Die nicht ganz zwei Millionen Muslime in Großbritannien etwa sind überwiegend ein Erbe des britischen Weltreiches, das Einwohnern der ehemaligen Kolonien lange die Einreise gestattete. Die ersten Muslime in den Niederlanden kamen aus der Ex-Kolonie Indonesien, in Frankreich ließ man Algerier ins Land, die ja bis zur Unabhängigkeit französische Bürger gewesen waren. In Deutschland hingegen und in den letzten Jahrzehnten auch den Niederlanden gehören die Muslime vor allem zum Heer der da angeworbenen „Gastarbeiter“, die längst nicht Gast sind, sondern fester Bestandteil dieser Staaten.

Der bisherige Bundesinnenminister, Wolfgang Schäuble, bekennt sich ganz offen dazu:

O-Ton 05, Schäuble:
„Der Islam ist auch ein Teil unseres Landes geworden. Muslime sind etwas, was uns nicht bedroht – wir möchten, dass sie uns in unserem Land heimisch fühlen, aber das heißt natürlich auch, dass sie die Art zu leben in unserem Land akzeptieren. Dass sie die Art der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und die Art, wie Mädchen und Frauen in unserem Land leben, akzeptieren. Und das sind Regeln, über die wir miteinander sprechen“.

Über die Hälfte der in Deutschland lebenden Muslime sind deutsche Staatsbürger, ähnlich wie in den anderen europäischen Staaten auch. Deswegen steht der Forderung nach Integration überall auch die Forderung der Muslime entgegen, sie als Teil dieser Gesellschaft zu betrachten und zu behandeln. Wie eine junge Muslimin in Berlin, die bemängelt, dass neue Moscheen weiterhin meist nur versteckt in Hinterhöfen und Industriegebieten entstehen:

O-Ton 06, Muslimin in Berlin:„Das finde ich nicht schön, dass wir das so verbergen in der Gesellschaft. So als ob es uns nicht gäbe. Ich bin deutsche Muslimin und für mich ist es auch schön, mal in Deutschland ein Gebetshaus von außen zu sehen und sagen zu können: In Deutschland – eine deutsche Moschee – meine Moschee…“ 

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Um jeden Preis
Umstrittener "Hessischer Kulturpreis" wurde vergeben

Ein Beitrag für Deutsche Welle

Peter Philipp, 28. November 2009

Die katholische „St. Theodor“-Gemeinde im Kölner Stadtteil Vingst  ist unverhofft zum Nutznießer des „Hessischen Kulturpreises“ geworden, der dieser Tage in Wiesbaden verliehen wurde. Und das obwohl die Gemeinde nicht zu den Preisträgern gehörte und obwohl  es keinen Bezug zwischen ihr und Hessen gibt. Es war aber der in Hessen geborene und in Köln lebende Navid Kermani, der  sein Preisgeld  der engagierten Gemeinde des katholischen Pfarrers Franz Meurer zusagte, weil diese sich im Streit um den Bau einer neuen Moschee so entschlossen hinter die muslimische  Gemeinde in ihrer Nachbarschaft gestellt hatte.  

Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Islamwissenschaftler und einer von vier Kulturpreisträgern in diesem Jahr, beschämte mit dieser Entscheidung all jene, die in den letzten Monaten dazu beigetragen hatten, dass die Verleihung des Preises durch die hessische Landesregierung zu einem  skurillen und in vieler Augen unwürdigen  Gerangel von Verzicht, Empörung, Aberkennung und schließlich doch wieder Würdigung geworden war:

Als die hessische Landesregierung 1981 die jährliche Verleihung eines „Hessischen Kulturpreises“ beschloss, da wollte sie auf diese Weise „besondere Leistungen in Kunst, Wissenschaft und Kulturvermittlung“ auszeichnen´.  Folgerichtig wurde der  inzwischen mit 45 000 Euro dotierte Preis bisher an Schriftsteller, Regisseure, Maler und andere Künstler vergeben, wie auch an Publizisten und Wissenschaftler. In diesem Jahr aber hatte man sich etwas Besonderes vorgenommen: Im Trend der Zeit, in dem interkultureller und interreligiöser Dialog großgeschrieben sind,  sollte der Preis dieses Jahr an Vertreter der vier wichtigsten Religionen in Deutschland gehen: Einen Katholiken, einen Protestanten, einen Juden und einen Moslem. Wenn man gehofft hatte, hiermit deren Bereitschaft und Engagement im interkulturellen Dialog  zu würdigen, dann erreichte man eher das Gegenteil: Monatelang wurde um  den Preis gestritten und als er schließlich mit monatelanger Verspätung überreicht wurde, da sah Ministerpräsident Roland Koch sich zu einer   Entschuldigung genötigt:

Was nur falsch laufen konnte, war auch falsch gelaufen: Zuerst verzichtete ein Islamwissenschaftler, der  den Preis nicht mit dem Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, teilen wollte. Dieser habe sich zu einseitig für Israel engagiert.  Als „Ersatz“ wurde der Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani gefunden, der aber eckte bei den beiden christlichen Preisträgern an - dem katholischen Kardinal Karl Lehmann und dem ehemaligen protestantischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker:

 Stein des Anstoßes war ein Essay, in dem Kermani sich mit einer italienischen Darstellung des Gekreuzigten auseinandersetzte. Hierbei  verstieg er sich zunächst in den Vorwurf der Gotteslästerung, meinte dann aber versöhnlich, wenn er dieses Bild sehe, dann könne er an das Kreuz glauben. Lehmann und Steinacker  hatten offenbar nur den ersten Teil gelesen und  ließen das Preiskomitee wissen, dass ihnen unter diesen Umständen schwer vorstellbar sei, den Preis mit Kermani zu teilen.   

Statt die Verleihung des Preises nun einfach abzusagen, wurde nun Kermani ausgeladen.  Abgesehen davon, dass er dies aus der Presse erfuhr und nicht von den Organisatoren: Für viele ein Anlass mehr zur Kritik: Preise für Dialog und Verständigungsbereitschaft würden auch verliehen, wenn die Gewürdigten es genau daran mangeln lassen. Zwar hatten  Lehmann und Steinacker nicht gefordert, Kermani auszuladen, das Preiskomitee wollte aber auch nicht auf die Vertreter der Kirche verzichten. Und so entschloss man sich gegen Kermani.

Eine sehr unpopuläre Entscheidung, wie sich umgehend herausstellen sollte: Im hessischen Landtag wurde sie ebenso kritisiert wie in der Kirche, in den Medien und anderen Bereichen der Öffentlichkeit. Kritisiert wurde besonders der Geist der Intoleranz, der der Entscheidung zugrunde liege: Was Kermani geschrieben habe, sei Teil seiner künstlerischen und intellektuellen Freiheit und die dürfe ihm nicht beschnitten werden, zumal er die beanstandete Kritik am Kult um das Kreuz ja im selben Text relativiere.

Während die hessische Landesregierung - als Stifter des Preises – für Monate abtauchte und sich nicht zu dem Streit äußerte, fanden die drei Hauptakteure schon im Sommer zueinander: Lehmann, Steinacker und Kermani sprachen sich aus und vereinbarten, den Preis nun doch ohne weitere öffentliche Debatte in Empfang zu nehmen.

Was nun in Wiesbaden geschah. Ministerpräsident Roland Koch bedauerte die Fehler, die in den letzten Monaten gemacht worden seien, Lehmann, Steinacker und auch Salomon Korn, der Vertreter des Zentralrats der Juden, gingen nicht auf die peinliche Angelegenheit ein. So blieb auch dies Navid Kermani überlassen: Er sei aus diversen politischen Gründen kein Freund von Ministerpräsident Koch, aber es wäre falsch gewesen, den Preis deswegen auszuschlagen. Selbstkritisch fügte er hinzu, er sei beinahe in die „Identitätsfalle“ getappt, aber er sei nicht Sprecher oder Vertreter „der“ Muslime. Er sei zwar Moslem, handle aber als deutscher Schriftsteller. Und er wolle als solcher verstanden werden. Dialog und Meinungsverschiedenheiten seien schließlich auch kein Widerspruch, betonte Kermani und zitierte den Koran: „Hätte Gott es gewollt, Er hätte euch zu einer einzigen Gemeinde gemacht. Doch wollt Er euch prüfen in dem, was Er jedem von euch gab. Wetteifert darum in den guten Taten."

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Theater in Andeutungen
10. "Theaterlandschaft Iran" in Mühlheim a.d.Ruhr

Ein Beitrag für qantara.de

Peter Philipp, den 19.10.2009                        (qantara.de)

Unpolitisches Theater mache keinen Sinn, meint der Intendant des Mühlheimer „Theater an der Ruhr“, Roberto Ciulli. Der 75-jährige Regisseur und Theater-Leiter weiß, wovon er spricht: seine Inszenierungen sind politisch, erst recht aber seine internationalen Projekte. Eines davon der Austausch von Theater zwischen Mühlheim und dem Iran. Seit zehn Jahre gastiert das „Theater an der Ruhr“ im Iran und ist dann Gastgeber der unterschiedlichsten iranischen Ensembles in Mühlheim.  Zur diesjährigen „Theaterlandschaft Iran“ waren sechs Ensembles mit rund 60 Schauspielern, Regisseuren und Mitarbeitern gekommen. 

Dabei ist dem aus Mailand stammenden Ciulli klar, dass iranisches Theater auf andere Weise politisch ist als deutsches Theater. Aufgrund der iranischen Gesetze und Bestimmungen kann im iranischen Theater vieles nur versteckt und verschlüsselt ausgesprochen werden. Erst recht nicht in Zeiten der politischen, gesellschaftlichen und sozialen Spannung im Iran.

Umso größer die Überraschung selbst für den erfahrenen Ciulli, dass diesmal „Klartext gesprochen“ wurde. Zumindest in einem Fall und da, wo man es am wenigsten erwartet hätte: Am Ende des ebenso beeindruckenden wie atemberaubenden   Pantomime-Balletts „Unglaublich aber wahr“ begann einer der Akteure, der 23-jährige Afshin Ghaffarian, zu sprechen. In Deutsch, zuerst scheinbar gestammelt, schließlich deutlich und klar: „Freiheit für Iran“. Am Handgelenk ein grünes Band – Zeichen für die Opposition, die sich um ihren Wahlsieg betrogen fühlt.



Unglaublich
aber wahr                         


Foto:
Theater a.d. Ruhr









So deutlich wird man sonst nicht. Auch nicht während der Woche in Mühlheim. Da wird eher zu den bisherigen Mitteln gegriffen, um die Zensur ad absurdum zu führen: Man bedient sich einer indirekten Sprache, Bildern und Metaphern, die nur schwer verboten werden können. Zum Beispiel der Rückgriff auf die Techniken von (im Iran offiziell erlaubten und gepflegten) Passionsspielen, Gedichte berühmter Dichter, alte Fabeln oder auch Puppenspiele – wie in „Der Kreislauf der Erde“ meisterhaft vermengt mit dem Spiel der Schauspielerinnen.





Der Kreislauf
der Erde



Foto:
Theater a.d.Ruhr

Afshin Ghaffarian findet nichts dabei, so direkt geworden zu sein: Er spreche doch nur aus, was Millionen anderer junger Leute im Iran heute fühlten und meinten. Ob er nicht Strafmaßnahmen fürchte? In Teheran habe er auf der Bühne dasselbe gesagt, meint er achselzuckend. Wenn jetzt etwas gegen ihn unternommen werden, dann sei „das nun mal so“.

Bei den Auftritten des Mühlheimer Theaters im Iran müsse man sich natürlich immer gewaltig umstellen, erzählt Ciulli. Umarmungen von Mann und Frau, erst recht Küsse auf der Bühne, seien strikt verboten. Aber andererseits seien die Zensoren selbst auch Theaterleute und haben bisher immer großes Verständnis für solche  Probleme gezeigt. Küsse etwa werden nur angedeutet oder gar durch ein abruptes Innehalten und den Hinweis der Schauspieler auf den Paragrafen 25 der Zensurbestimmungen abstrahiert und ins Absurde geführt, das für das iranische Publikum aber verständlich ist. Denn so, wie der Iran nicht  nur eindimensional beschrieben werden könne, so gelte dies auch – erst recht – für das Theater: Was auf der Bühne gesagt wird, ist oft verklausuliert und umschrieben. So weit, dass ganz „unbequeme“ Sätze Toten in den Mund gelegt werden: Wer tot ist, kann nicht zensiert werden.  Oder pazifistische Soldaten treten auf mit Blumen in der Hand. Sie bekreuzigen sich – für den Zensor klar, dass hier keine iranischen Soldaten gemeint sein können…   

Solche  Techniken fordern das iranische Publikum wahrscheinlich mehr als auch die modernste deutsche Aufführung es dem deutschen Publikum gegenüber tut:  Die Zuschauer im Iran müssen immer wieder aufs Neue entscheiden, sie müssen aktiver mitdenken, während die deutschen Zuschauer verwöhnt sind, die „Botschaft“  passend und mundgerecht serviert zu bekommen. Ein Grund mehr dafür, dass das moderne iranische Theater nicht einfach modernes Theater aus dem Ausland kopiert. Es ist immer wieder damit beschäftigt, „das Unaussprechbare sichtbar zu machen“, während das deutsche Publikum leichter „verführbar“ sei (Ciulli).

Die „Theaterlandschaft Iran“ entstand einst aus dem „Projekt Seidenstraße“, es hat aber längst Eigenständigkeit gewonnen. Fast vergessen die Anfangsschwierigkeiten und das Misstrauen, das offizielle  iranische Stellen zeigten. Natürlich habe es im Laufe der letzten zehn Jahre auch schon bessere Zeiten als jetzt gegeben - etwa  unter Präsident Mohamad Khatami und dessen reformfreudigem Kulturminister Ataollah Mohajerani. Aber der Austausch weite sich beständig aus: Noch nie waren so viele Ensembles in Mühlheim wie diesmal und Roberto Ciulli zeigt sich zufrieden, dass sein Beitrag zum interkulturellen Dialog auch weiterhin reiche Früchte tragen werde.

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Rassismus ist nicht angeboren
Beiträge gegen den antimuslimischen Rassismus

Ein Beitrag für das Dialogmagazin der Deutschen Welle


Peter Philipp, den 28.09.2009

Kritik am Islam solle nicht tabuisiert werden, meint Roberto Ciulli, Direktor des Mühlheimer „Theater an der Ruhr“. Es mache keinen Sinn, Skepsis, Kritik oder auch Angst gegenüber dem Islam pauschal zu verurteilen, sondern es müsse das Ziel sein, dies alles kritisch zu überprüfen und „Phrasenhafte Vorstellungen und Argumente zu überwinden“.  Ciullis Ratschlag ist Teil eines kleinen Buches, das sich zum Ziel gesetzt hat, Mittel und Wege zu suchen, Islamfeindlichkeit als neue Form des Rassismus in Deutschland zu bekämpfen.

Herausgeber des Buches ist der Theologe und Soziologe Jürgen Micksch, Vorsitzender des Interkulturellen Rates in Deutschland, der sich bereits seit Jahren in unterschiedlichen Funktionen mit dieser neuen Form des Rassismus auseinandersetzt. Dass es sich um Rassismus handelt, steht für Micksch fest:

O-Ton 01 Micksch:
„Mit Rassismus meine ich – und  immer mehr Menschen – die herabwürdigende Beurteilung einer menschlichen Gruppe und die Befürwortung ihrer Diskriminierung bis hin zur Gewalt. Insofern gibt es also ganz unterschiedliche Formen von Rassismus und sie beziehen sich auf keinen Fall auf Rassen. Denn es gibt eben nur eine menschliche Rasse“.

Besonders seit dem 11. September 2001 sei dies ein großes Problem in Deutschland geworden, das sich unter anderem ausdrückt in den Demonstrationen gegen Moschee-Bau,  offener Aversion gegen das Kopftuch, antiislamischen Internet-Blogs, Aufrufen zu Gewalt und auch Gewalt selbst – wie kürzlich der Ermordung einer ägyptischen Muslima im Dresdner Gerichtssaal.  Das Buch, das aus Einzelbeiträgen der unterschiedlichsten Autoren besteht – Muslimen wie Nichtmuslimen -   untersucht nun, was auf den unterschiedliche  Bereichen getan werden könne. Politisch wird zum Beispiel die „Islam-Konferenz“ des Bundesinnenministers als begrüßenswerte Aktion hervorgehoben, die widerlegt habe, dass man mit Muslimen nicht sprechen könne. Auf kulturellem und auch religiösem Bereich fänden positive Dialoge statt  Alle seien angesprochen…

O-Ton 02 , Micksch:
„…und deswegen enthält dies unterschiedliche Beiträge bis hin zum Kochen  von Muslimen und  Juden zusammen, um gegenseitige Vorurteile abzubauen“.  

Die Islamwissenschaftlerin Kathrin Klausing kritisiert in ihrem Beitrag durchaus die Politik, die seit dem 11. September erheblich beigetragen habe, Angst vor dem Islam und besonders vor Konvertiten zu schüren. Man könne dies natürlich nicht mit den Formen vergleichen, die der Antisemitismus einst in Deutschland angenommen habe, aber man könne aus der intenifen Antisemitismus-Forschung durchaus wertvolle Erkenntnisse für die Bekämpfung des antimuslimischen Rassismus gewinnen. Dem Staat komme die Verantwortung zum Diskriminierungsabbau zu und die Autorin empfiehlt dem Staat dabei mehr Mut.

Der Generalsekretär des „Zentralrats der Muslime in Deutschland“, Ayman Mazyek,  kritisiert unter anderem „verallgemeinernde und unzureichende Berichterstattung“ in den Medien. Etwa durch die – gewollte oder ungewollte – Verbindung von Islam und Negativthemen im Fernsehen wie auch in anderen Medien.  Statt dessen sollen die Medien sich konstruktiv an den Bemühungen um Integration der Muslime beteiligen.

Der Politologe, Prof. Dieter Oberndörfer, unterstreicht, dass für eine Integration ein „republikanisches Staatsverständnis“ nötig sei, denn nur dieses garantiere Pluralismus. In einer Republik gebe es ein „Staatsvolk“, dem die Muslime genauso angehörten wie die Mitglieder anderer Religionsgruppen. Damit sie aber auch politisch integriert würden, müssten sie zunächst kulturell akzeptiert werden.   

Der Moschee-Bau sei ein solches Beispiel, meint die Berliner Psychologin und Antisemitismus-Forscherin, Birgit Rommelspacher. Zwar haben religiöse Muslime auch etwas zu der von manchen empfundenen „Islamisierung“  beigetragen, aber die Moscheen seien doch auch der Ausdruck einer Integration: Wer Moscheen baue, der wolle bleiben. Er fordere aber Anerkennung, das Recht auf Gleichheit wie auch auf Differenz.

Jürgen Micksch räumt ein, dass es sich hier durchaus um eine Art von Fremdenfeindlichkeit hamdelt, so wie man sie in Deutchland in der Vergangenheit gegenüber verschiedenen Gruppen so genannter „Gastarbeiter“ vorbrachte oder gegenüber Andersfarbigen. Heute habe man nun ein anderes Ziel:

O-Ton 03, Micksch:
„Wenn über Fremdenfeindlichkeit gesprochen wird, meint man in der Regel Muslime.  Und deswegen müssen wir auf diese Grupp besonders   schauen und sehen, was wir dazu beitragen können. Dass wir in ein paar Jahren sagen können: Auch das hat die deutsche Gesellschaft und die europäische Gesellschaft verarbeitet“.

Antimuslimischen Rassismus finde man keineswegs nur in Deutschland. In anderen europäischen Staaten sei er ebenso zu beoachten wie auch in den USA, räumt Micksch ein. Die Gründe lägen keineswegs überall nur in den Anschlägen des 11. September und ihren Folgen, sondern die Gründe seien – wie so oft bei Fremdenfeindlichkeit – durchaus auch in den allgemeinen Lebensbedingungen  wie der allgemeinen Wirtschaftslage zu suchen:

O-Ton 04, Micksch:
„In wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen ist teilweise zu beobachten, dass Fremdenfeindlichkeit zunimmt, es muss dies aber nicht der Fall sein. Tatsächlich ist
Fremdenfeindlichkeit, ist Rassismus ein Ausdruck von Menschen, die ein problematisches Verhältnis u sich selbst haben und dann andere Menschen brauchen, um sich selbst höher einzuschätzen. Andere werden abgewertet, um zu sagen, dass man selbst etwas besseres ist. Aber wir haben eben auch gelernt: Rassismus ist nicht etwas, was angeboren ist Rassismus kann auch wieder überwunden werden“.

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Zum besseren Verständnis
Zwei neue Koran-Übersetzungen
Bein Beitrag für das Dialog-Magazin der Deutschen Welle

Peter Philipp, den 30.08.2009

Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, der Welt größten Buchmesse im Oktober, werden auf dem Markt zwei deutsche Übersetzungen des Koran erscheinen: Die eine – für den Münchner „Beck-Verlag - von dem Erlanger Islamwissenschaftler Hartmut Bobzin, die zweite – bei „Herder“ in Freiburg - von dem aus Afghanistan stammenden Philosophen Ahmad Karimi. Letzterer ist gläubiger Muslim und hat binnen eines Jahres eine Übersetzung erstellt, um dem deutschsprachigen Publik die Schönheit des Koran zu vermitteln. Bobzin hingegen arbeitet bereits seit zehn Jahren an seiner Übersetzung, die vor allem darauf abzielt, eine zeitgemäße, aber dennoch korrekte und möglichst unverfälschte Fassung des Heiligen Buches des Islam vorzulegen.

Beide Übersetzer wussten angeblich lange nichts von der jeweiligen Konkurrenz und noch bevor man in Fachkreisen die Güte der beiden Übersetzungen beurteilen kann, ist man dort doch verwundert darüber, dass zwei Verlage sich dasselbe vorgenommen haben und offenbar glauben, eine deutsche Fassung des Koran bei einem Preis von knapp 50 Euro  vermarkten zu können. Und das, obwohl es bereits mehrere deutsche Übersetzungen gibt. Die bisher „philologisch korrekteste“ Fassung sei die von Rudi Paret, meint die Bonner Islamforscherin Professor Eva Orthmann, räumt aber ein, dass diese Fassung sehr akademisch und für den Laien etwas schwierig zu lesen sei.

O-Ton 01 Koran (Orthmann):
„Es gibt daneben – oder gab – sehr früh die Koranübersetzung von Friedrich Rückert. Der hat versucht, die Poesie des Korans in seiner Sprache im Deutschen einzufangen und wiederzugeben. Die Übersetzung ist allerdings nicht vollständig und ist philologisch dann auch nicht ganz so korrekt in jeder Hinsicht“.

Rückert, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Dichter und Islamforscher wirkte, beeinflusste mit seiner Übersetzung immerhin Johann Wolfgang von Goethe, der sich mit seinem „Ost-Westlichen Diwan“ auf das Werk Rückerts stützte. Es gibt Puristen, die fordern, der Koran dürfe nicht  übersetzt werden, weil jede Übersetzung eine Interpretation und damit auch Veränderung des Wortes des Propheten sei. Der ehemalige Vorsitzende des „Zentralrats der Muslime“, Nadeem Elyas, hat selbst eine – von Saudi-Arabien getragene Koran-Übersetzung verfasst, die in 300 000 Exemplaren und bisher 12 Auflagen kostenlos verteilt wird. Er teilt diese Auffassung nicht. Zum besseren Verständnis des Koran müsse es Übersetzungen geben. Aber:

O-Ton 02 Koran (Elyas):
„Diejenigen, die sagen, der Koran ist nicht übersetzbar, meinen, dass  die Feinheiten der Sprache und der Sinn, der dahinter steckt, durch eine Übersetzung nicht wiederzugeben ist. Das stimmt, dass jede Übersetzung dann nur einen Teilaspekt von dem wiedergibt, was der arabische Text in sich verbirgt“.

Auch in Arabisch gebe es unzählige Auslegungen und Interpretationen des Koran und umso mehr sei denn eine Übersetzung in eine andere Sprache eine Interpretation des Koran.
Idealerweise sollte ein Muslim Arabisch können, das ist aber in den nicht-arabischen Ländern der muslimischen Welt meist nicht der Fall. Und so musste man schon früh zu Übersetzungen greifen, fand dabei aber oft einen Mittelweg, wie Prof. Orthmann beschreibt:

O-Ton 03 Koran (Orthmann):  
„Die früheste Übersetzung war ins Persische. Und wenn man sich heute zum Beispiel im Iran Koran-Editionen ansieht, dann hat man den Haupttext auf Arabisch und die  Betenden rezitieren den Text auch auf Arabisch, aber es findet sich meist interlinear eine Übersetzung ins Persische, damit die Gläubigen auch verstehen können, was sie da überhaupt rezitieren“.  

Nadeem Elyas betont, dass auch in muslimischen Ländern keine Koran-Übersetzung für „verbindlich“  erklärt sei. Bei der Übersetzung gehe es immer in erster Linie darum, den Gläubigen zum besseren Verständnis des Textes zu verhelfen. Und wenn in einem nicht-muslimischen Land wie Deutschland inzwischen mehrere Übersetzungen vorliegen, dann sei dies auch zu begrüßen:  
 
O-Ton 04 Koran (Elyas):
„Es ist eine positive Entwicklung: Die Zeiten ändern sich. Nicht nur, dass die deutsche Sprache sich entwickelt, sondern das Verständnis der Leute, der Geschmack der Leute, was den Sprachsinn angeht. Das ändert sich. Und jeder Versuch ist zu begrüßen, denn was dem einen Übersetzer verborgen blieb, kann dem anderen offengelegt werden. Es ist nicht sinnvoll, dass man nur  eine Übersetzung in einer Sprache hat – die Vielfal muss gewährt bleiben“.

 

Besondere Bedeutung könnte einer deutschen Koran-Übersetzung zukommen, wenn es um die Einführung von Koran-Unterricht an deutschen Schulen geht. Dieser soll nämlich in Deutsch abgehalten werden und auch Nadeem Elyas ist der Meinung, dass seine Plädoyer für Vielfalt in diesem Fall  dann doch wohl eingeschränkt werden müsse:


O-Ton 05 Koran (Elyas):

„Ja, man wird zwangsläufig eine Übersetzung anwenden. Besonders in den höheren Schulstufen wird es problematisch, denn da geht es um Texte – zum Beispiel, wenn es ‚Jihad‘ geht  oder wenn es um die Frauen geht und Rechte und Erbrechte usw.: Da braucht man schon eine Übersetzung, die eher dem islamischen Sinn nahesteht und nicht eine orientalistische Sicht von außen, sondern die Sicht von innen widergibt“.

Die Entscheidung darüber, welche Version schließlich in den Schulen verwendet werden kann und soll, müsse natürlich in Absprache mit den muslimischen Organisationen getroffen werden, denn deren Kinder seien es ja schließlich, die an diesem Unterricht teilnehmen.  Beim Privat-Gebrauch hingegen spiele dies keine so große Rolle, meint schließlich Prof. Orthmann:



O-Ton 06 Koran (Orthmann):
„Letztendlich wird es in mancher Hinsicht auch eine Geschmackssache sein: Möchte man lieber eine Übersetzung haben, die vielleicht etwas poetischer ist? Möchte man lieber eine Übersetzung haben, die ganz akkurat ist und vielleicht nicht ganz so schön klingt?“


Dies sei letztlich den Gläubigen selbst überlassen. Und selbst im Schulunterricht wäre vermutlich Platz für Vergleiche zwischen verschiedenen Übersetzungsversionen.  

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Bestürzung - ja, aber keine Überraschung
Reaktionen auf den Mord von Dresden
Ein Beitrag für Deutsche Welle

Peter Philipp, den 17. Juli 2009

Die Ermordung der 31 Jahre alte Ägypterin Marwa al-Scharbini im Dresdner Landgericht Anfang des Monats hat heftige Reaktionen in Teilen der muslimischen Welt hervorgerufen: In Demonstrationen wurden deutsche Flaggen verbrannt und Deutschland latente Islamfeindlichkeit vorgeworfen und der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad forderte sogar eine internationale Verurteilung Deutschlands. Muslime in Deutschland hingegen reagieren weitaus besonnener, ohne dabei aber gefährliche Tendenzen in der deutschen Gesellschaft zu übersehen.  Ayman Mazyek ist Generalsekretär des Zentralrates der Muslime:

O-Ton01 Mazyek:
„Also wir haben ja seit vielen Jhren eine islamfeindliche Stimmung zu beklagen: Wir erleben Anschläge auf Moscheen, wir erleben auch tagtäglich, dass Frauen mit Kopftuch angepöbelt, diskriminiert, beleidigt werden. Wir erleben auch von Seiten der Politik keine klaren Signale, die deutlich machen, dass der Kampf gegen Extremismus ein gemeinsames Anliegen ist, aber dass man doch durchaus zwischen Extremismus, Islamismus und Muslimen – die hier friedlich leben in diesem Land – ganz haarscharf trennen muss“.

Der sächsische Ministerpräsident habe erklärt, er sei von der Bluttat „schockiert und überrascht“, erinnert Mazyek. Schockiert sei er auch, nicht aber überrascht. Denn er sehe durchaus einen „atmosphärischen Zusammenhang“ zwischen der Tat und der unterschwelligen Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft. Ganz abgesehen davon, dass die Behörden in diesem konkreten Fall hätten gewarnt sein sollen: Der Täter habe beim ersten Prozess offen mit Gewalt gedroht und dennoch habe man den Mord nicht verhindern können.

Wie erklärt Mazyek sich diese latente Islamophobie in der deutschen Gesellschaft? Besonders vor dem Hintergrund der massiven Bemühungen der letzten Jahre, einen konstruktiven Dialog der Religionen und Kulturen zu führen und mehr gegenseitiges Verständnis zu schaffen? Waren all diese Bemühungen vergebens?      

O-Ton02 Mazyek:
„Ich würd’s mal anders ausdrücken: Hätten wir diese ganzen Bemühungen und dieses – auch – gegenseitige Verstehen und Kennenlernen nicht gehabt – wie wäre es heute um unsere Gesellschaft, wie wäre es heute um dieses Thema bestellt? Möglicherweise weitaus schlimmer. Das heißt: Da ist auch eine ganze Menge über diesen Bereich abgefedert worden: Die Tatsache, dass man heute sagen kann, dass Muslime, Islam, ein Teil dieses Landes ist, das war vor drei, vier Jahren zumindest in einem Großteil der Köpfe unserer Bundesbürger noch nicht so präsent. Und das ist sicherlich auch ein Verdienst von Islamkonferenz und den ganzen Diskussionen, die damit verbunden sind. Das ist auch gut und ist auch wichtig so“.

Anders sieht man das im „Zentralrat der Exmuslime“ – einer Organisation, die seit zwei Jahren besonders die Aktivitäten der muslimischen Verbände in Deutschland kritisiert und diesen vorwirft, in den Diensten fremder Regierungen zu stehen. Der Verband kritisiert auch die deutschen Behörden, dass sie gerade mit diesen Verbänden einen Dialog führen und damit indirekt zuließen, dass Muslime in Deutschland von Extremisten unter Druck gesetzt würden. Das erzeuge Angst – bei Muslime wie Nichtmuslimen, meint Mina Ahadi, Generalsekretärin des Verbandes:

O-Ton 03, Ahadi:
„Wir haben auch Angst gehabt, wir sind Opfer von diesem islamischen Terror – Regierungen und Organisationen – und wir sind geflüchtet und wir leben hier. Ich gebe allen Leuten hier Recht, wenn sie Angst haben vor Terror oder kritisch sind gegenüber Ehrenmord, gegenüber Kopftuchzwang, gegenüber Geschlechter-Apartheid und gegenüber Schari’a. Deswegen kann man nicht alle diese Kritik oder auch Ängste als Islamophobie bezeichnen“.

Die Gründe für Islamfeindlichkeit sieht  Ayman Mazyek in einer Verflechtung diverser Aspekte. Dazu gehöre nicht nur – als Beispiel aus jüngster Vergangenheit – der 11. September, sondern schon viel früher auch religiöse Ablehnung, die einst in den Kreuzzügen gipfelte. Und es spiele natürlich auch das breite Unwissen über den  Islam eine Rolle, das es trotz der großen Faszination gebe, die der Orient lange Zeit gerade auf die Deutschen ausgeübt habe. Schließlich hänge das wohl auch mit der Wirtschaftslage zusammen: In Notsituationen suchten sich die Menschen nur zu oft eine Minderheit, an der sie ihren Frust abarbeiten konnten.

Den Vorwurf, die Muslime seien nicht integrationsbereit und erzeugten damit selbst einen Teil der Feindschaft und Ablehnung, lässt Mazyek nicht gelten:

O-Ton 04 Mazyek:
„Wir erleben ja gerade die Auseinandersetzung, weil beispielsweise Frauen selbstbewusst mit Kopftuch den Lehrerberuf angehen wollen, weil sie (eine) akademische Laufbahn eingehen wollen. Solange sie Putzfrau sind, hat man sich ja gar nicht groß darüber echauffiert, da war das OK. Aber in dem Moment, wo sie sozusagen in die Mitte der Gesellschaft eindringen, indem sie auch sichtbar werden, wird dieses Thema uns überhaupt erst gewahr. Die Tatsache, dass diese Frauen in die Mitte der Gesellschaft  reinkommwen wollen, in den öffentlichen Dienst, Arbeiten tätigen, das ist ja gerade, was wir immer eingefordert haben. Wir haben ja gesagt, Ihr sollt in die Mitte der Gesellschaft, Ihr sollt Berufe angehen, anlernen und so weiter. Aber viele i ihren Köpfen haben sich da vielleicht nicht so vorgestellt“.

Mazyek bedauert, dass die Politik auf den Mord von Dresden erst sehr spät reagiert habe, nachdem man den Fall zunächst eher wie ein deutsch-ägyptische Angelegenheit behandelt habe. Eine frühere und entschiedenere Verurteilung durch die Politik wäre ein positives Signal gegenüber der Masse der friedlichen Muslime in Deutschland gewesen.   Aber auch jene kritisiert der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, die jetzt im Ausland den Fall für ihre politischen Zwecke missbrauchten:

 O-Ton 05, Mazyek:
„Solche Instrumentalisierungen helfen letztendlich nicht, weil sie die Menschen aufputschen. Wir haben das volle Vertrauen  die deutsche Justiz, dass sie diesen Fall akribisch und gut aufarbeitet. Wir habe das volle Vertrauen, das es – wenn es zur Verhandlung bald kommt – das dort Gerechtigkeit walten wird und das der Täter seine gerechte Strafe erhält. Das ist unser Vertrauen in den Rechtsstaat und da haben wir kein bisschen Zweifel daran, dass das so gemacht wird“.

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Wichtig ist, was drin ist...
Contra Kopftuch-Urteil
Ein Beitrag für Deutsche Welle Radio

Peter Philipp, den 26. Februar 2009
Politiker und Richter machen es sich schon recht einfach, wenn sie das Tragen eines Kopftuches durch eine Lehrerin untersagen: Die Mehrheit der Lehrerinnen ist davon nicht betroffen, sie sind nicht muslimisch. Und unter ihren männlichen Kollegen findet sich in Deutschland wohl kaum ein religiöser Jude, der mit Hut oder Kippah in den  Unterricht käme. Die Bestimmung betrifft also nur die wenigen Musliminnen, die in Deutschland so weit integriert sind, dass sie Lehrerinnen geworden und bereit sind, Teil dieser Gesellschaft zu sein, ohne dafür auf ihre Religion und deren Äußerlichkeiten zu verzichten.

Wovor hat der Staat oder hat die Justiz denn Angst? Dass muslimische Volksschullehrerinnen mit Kopftuch den kleinen Fritz oder Oskar zu ihrer Religion bekehren? Doch wohl nicht m Ernst: Täten sie es, dann könnte, ja müsste man es ihnen untersagen. Wie man es ja auch einer christlichen Lehrerin nicht gestattet, in der Schule zu missionieren. 

Das Entscheidende bei der Einstellung einer Lehrerin sollte deren fachliche Qualifikation sein.  Und zwar ausschließlich. Nach dem Motto: Was im Kopf ist, zählt, nicht was drauf ist. Indem man einer Lehrerin untersagt, das Kopftuch zu tragen, setzt man  überdies ein weiteres bedenkliches Zeichen: Die Kinder bekommen vermittelt, dass etwas „falsch“ und „verboten“ ist am Tragen eines Kopftuches. Unter diesem Aspekt werden sie künftig Musliminnen mit Kopftuch sehen, denen sie heute ja doch überall in Deutschland begegnen.

 Isolierung und Diskriminierung werden   dadurch offiziell sanktioniert. Unter den Vorwand, radikalen Tendenzen Einhalt gebieten zu wollen, verbietet der Staat mündigen Bürgerinnen, ein Kleidungsstück zu tragen, das sie für sich als unabdingbares Attribut ihrer Religion betrachten. Wollte man Frauen davor schützen, zum Kopftuch gezwungen zu werden, dann sollte man es tun wie in Frankreich: Den Schülerinnen das Kopftuch in der Schule zu verbieten. Von einer Lehrerin sollte man annehmen, dass sie frei entscheidet, was sie anzieht.
Und man könnte es ja so handhaben wie beim Kruzifix-Urteil: Da hatte das Bundesverfassungsgericht ursprünglich befunden, dass kein Kreuz im Klassenzimmer hängen dürfe, wenn jemand daran Anstoß nehme. Die Praxis sieht längst anders aus: Wer sich dran störe, der habe ja Alternativen. Übertragen: Wer an einer Lehrerin mit Kopftuch Anstoß nimmt, der könnte ja in eine andere Klasse wechseln. Fakt ist, dass in keinem der bisher bekannten Kopf-Tuch-Prozesse Eltern Anstoß nahmen. Das waren immer Beamte oder Politiker. Und denen ging es dabei bestimmt um etwas anderes als die Ausbildung in deutschen Schulen.   



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Zweifel an Dialogbereitschaft des Papstes
Hintergrund für Deutsche Welle  

Peter Philipp, den 05.02.2009
„Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen!“ Mit diesem Zitat aus Psalm 133 begrüßte Papst Benedikt XVI im November 2006 bei seinem Besuch in Istanbul den Patriarchen von Konstantinopel und beschwor dabei  die gemeinsamen Anstrengungen der katholischen wie der orthodoxen Kirche, die jahrhundertealte Spaltung zu überwinden.  2006 in der Türkei, davor schon in Bulgarien, inzwischen auch bei den ägyptischen Kopten oder der russisch-orthodoxen Kirche: Der Vatikan bemüht sich um Annährung. Über das Ziel dieser Bemühungen - nämlich eine geeinte Kirche - ließ Benedikt sich bisher nicht näher aus. Würde er es tun, dann gäbe dies mit einiger Sicherheit Zündstoff zu neuem Disput ab. Der Umgang dieses Papstes mit anderen christlichen Kirchen wie auch mit anderen Religionen legt diesen  Schluss nahe.

In allen Fällen nämlich bleibt der Papst seiner konservativen Linie treu, die die katholische Kirche allein als die wahre Kirche betrachtet. Und wenn er von „Einheit der Kirche“ spricht, dann meint er damit eben diese: Die eigene, katholische Kirche. Am deutlichsten wurde das wohl, als er im Juli 2007 ein Dokument des Vatikan ausdrücklich genehmigte, in dem Protestanten wie auch andere Glaubensgemeinschaften als mit "Mängeln behaftet"  definiert werden, bei denen es sich lediglich um "kirchliche Gemeinschaften", nicht aber „Kirchen im eigentlichen Sinn“ handle.  

Die Orthodoxe Kirche wurde ausdrücklich als „mangelheft“ bezeichnet, weil sie den Papst nicht anerkenne, und gemeinsame Abendmahlfeiern mit Protestanten wurden untersagt.  Die Erklärung löste gehörige Verärgerung besonders bei den Protestanten aus, im Vatikan aber wies man darauf hin, dass hier doch nur alte und bekannte Standpunkte wiederholt würden. Standpunkte, die freilich von Vorgängern dieses Papstes nicht mehr vorgetragen und nicht mehr als Leitlinien ihres Handelns betrachtet wurden.  

Ein orientalischer Spruch sagt über Politiker, dass sie sich nicht um das Volk in seiner Gesamtheit kümmern könnten, wenn sie  sich nicht um die eigene Familie kümmerten. Unter diesem Aspekt betrachtet, muss auch das immer wieder zu hörende Bekenntnis des Papstes zum Dialog der Religionen mit gebotener Skepsis quittiert werden.  Sowohl Muslime als auch Juden sind davon betroffen, und das, obwohl der Papst sich demonstrativ – zum Beispiel beim Weltjugendtag in Köln in der dortigen Synagoge mit Vertretern der jüdischen Gemeinde traf. Und obwohl er hochrangige Vertreter aus allen Teilen der muslimischen Welt zum Dialog in den Vatikan lud.

Muslimische Hoffnungen auf  eine Verbesserung des Verhältnisses zur Katholischen Kirche machte der Papst selbst in seiner „Regensburger Rede“ zunichte, als er vor seiner alten Universität  aus dem Text eines  byzantinischen Kaisers zitierte:

O-Ton Papst, Regensburger Rede:
„Er sagt – ich zitiere: Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“. 

Ein Sturm der Entrüstung brach aus, mit Demonstrationen in verschiedenen Teilen der  muslimischen Welt. Der Vatikan hatte große Mühe, den Eindruck der Rede zu korrigieren. Der Papst war aber nicht bereit, seine Äußerung zurückzunehmen. Ein Papst, dem das kirchliche Dogma unverändert Unfehlbarkeit zugesteht, nimmt nichts zurück. Der Theologe Hans Küng weiß das besser als mancher andere: Weil er die Unfehlbarkeit des Papstes angezweifelt hat, wurde ihm  die Lehrbefugnis entzogen:

O-Ton Küng:
„Ihm geht es ja darum, die ganze Kirche wieder auf einen konservativen Kurs zu bringen und insofern hat er sich nie Gedanken gemacht, sich zu versöhnen mit all den Leuten auf seiner Linken. Ich erinnere, wie er noch neuerdings lateinamerikanischen und nordamerikanischen Theologen  Rede- und Schreib- und Lehrverbot gegeben hat. Er wollte sich mit denen zu seiner Rechten versöhnen, weil das im Grunde seiner Linie mehr entsprach. Er hat nicht daran gedacht, dass er Millionen und Millionen von dieser einen Milliarde Katholiken beleiden würde“.

Zwei Jahre später erregte der Papst aber erneut Unruhe unter Muslimen, als er einen prominenten muslimischen Journalisten, der zum Christentum übergetreten war, demonstrativ selbst in Rom taufte. Für viele Muslime eine Provokation, die den Missionsauftrag der Katholischen Kirche unterstreicht.

Auch die Juden bekamen diese Haltung zu spüren, als der Papst 2007 die lateinische Karfreitags-Liturgie wieder einführte, in der es heißt: "Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen."  Nach weltweiten Protesten  nicht nur von Juden wurde das Gebet ein Jahr später etwas gemildert, nicht aber aus der Liturgie entfernt. 

Es war nicht das erste Mal, dass Benedikt die Juden brüskierte: Bei seinem Besuch in Auschwitz 2006 sprach er nicht von einer Schuld der Deutschen, sondern vom „verführten Volk“.  Der jüngste Streit um die Rehabilitierung der Pius-Bruderschaft und des Holocaust-Leugners Richard Williamson hat die gegenseitigen Beziehungen weiter belastet.

Wie schon in den anderen Fällen versuchte der Vatikan zunächst, möglichst rasch zur Tagesordnung überzugehen, dann die überraschende Aufforderung an die Pius-Bruderschaft, sich von der Holocaust-Verleugnung zu distanzieren.  Aber kein Eingeständnis  eines eigenen Fehlers. Schon haben sich aber Kirchenaustritte empörter Katholiken zu häufen begonnen und die Angehörigen anderer Weltreligionen werden beginnen, die Dialog-Bereitschaft des Papstes ernsthaft in Frage zu stellen. Sie können sich dabei auf Benedikt selbst beziehen, der im Vorwort zu einem Buch schrieb, ein interreligiöser Dialog sei auf theologischer Ebene nicht möglich, ohne seine eigenen  Glauben einzugrenzen. Man brauche vielmehr einen interkulturellen Dialog. An anderer Stelle aber spricht der Papst sich auch gegen Multikulturalismus aus. Kritiker werfen dem Papst deswegen vor, in den noch nicht vier Jahren seiner Amtszeit die Kirche um Jahrzehnte, wenn nicht gar um Jahrhunderte zurückgeworfen zu haben.

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